04 Darlington – York

Wir fahren meist über Seitenstraßen und kommen durch zahlreiche kleine Dörfer. Es ging über sanfte Hügel angenehm auf und ab. Zumindest ist dies das, was mir jetzt drei Tage später davon in Erinnerung geblieben ist.

Die Engländer sind sehr nett, wo wir anhalten wollen sie auch immer mal einen kleinen Plausch halten. Doch keine Sorge, schon nach fünf Minuten wünschen Sie uns einen schönen Tag und man trennt sich um eine Geschichte reicher. Ich würde diese kurzen Unterhaltungen als typisch englisch bezeichnen, sie zeugen von echtem Interesse, denn ich bin mir sicher, wer keine Unterhaltung möchte, der fängt auch keine an. Es ist eine angenehme Form der Distanzminderung, keine Scheu zu haben jeden Fremden anzusprechen aber ihm auch nicht zu lange auf die Nerven zu gehen. An einer Stelle stehen zwei Jungs mit ihren Rädern. Der eine deutet auf´s Feld hinaus und fragt uns: „Entschuldigen Sie, was passiert da?“ Die wahre Neugier spricht aus ihm. Erst durch seine Frage werden wir aufmerksam auf etwas, auf das uns bisher ein Wald die Sicht versperrt hat: Die Stoppeln werden abgebrannt. Irgendwie katapultiert mich das selbst kurzfristig in meine Kindheit zurück. Meiner Erklärung folgt noch ein kleiner Smalltalk über das, was wir hier gerade machen, dann trennen sich unsere Wege; perfekte kleine Gentlemen die beiden Jungs, die vielleicht gerade mal 11 Jahre alt waren.

Typisch Englisch kann man auch den Regen nennen, der kurz hinter Darlington beginnt und erst etwa acht Kilometer vor Beningbrough Hall pünktlich zu Beginn einer Pause endet. Wir sitzen an der Hauptstraße in einer dieser wunderbaren kleinen Ortschaften auf einer Parkbank, die zu ehren eines Weltmeisters von 1977 im Motorradrennen mit Seitenwagen aufgestellt wurde.

Bald erreichen wir Benningbrough Hall, ein riesiges Anwesen mit sehr schönen Gärten. Hier sieht man, wo der National Trust mit Gibside einmal hin möchte. Ich lasse an dieser Stelle einfach mal die Bilder sprechen.

Nach zwei Stunden geht es weiter nach York. Über einen Wander- und Radweg geht es mitten in die Stadt. Die Uferpromenade ist wunderschön. York ist wunderbar auf Radfahrer eingestellt. Auf den Straßen gibt es überall Streifen, die für uns freigehalten werden müssen.

Kurz nach 18:00 Uhr und 95 Kilometern erreichen wir unsere Gastgeber: Johan und Maria. Beide arbeiten an der York University als Wissenschaftliche Mitarbeiter. Beide sind aus den Niederlanden hierhergekommen, haben sich hier ein Haus gekauft und zwei Kinder bekommen. Der Brexit trifft sie hart. Am schlimmsten ist die Ungewissheit, wie sich ihr Aufenthaltsstatus entwickeln wird. Die niederländische Staatsangehörigkeit wollen sie in dieser Situation auf keinen Fall aufgeben, dann seien sie ja auf der Insel gefangen. Nach England zu gehen kam für sie damals vor vierzig Jahren nur in Frage, weil sie weiterhin in der EU leben würden. Und nun stellt sich nach so langer Zeit die Frage, ob man zurück nach Holland geht, doch was ist mit den Kindern? Beide haben keinen Bezug zur alten Heimat.

Heimat, ein Begriff, über den wir länger gesprochen haben, weil es dafür keine Übersetzung in andere Sprachen gibt. Heimat ist typisch deutsch, vielleicht, mutmaße ich, weil sich der deutsche Nationalstaat erst so spät am Ende des 19. Jahrhunderts gebildet hat und vorher die `Heimat´ eine örtliche Bezogenheit am ehesten beschrieben hat. Anyway, wie der Engländer sagt. Meine Heimat ist Schleswig-Holstein und als meine Nationalität sehe ich Europa an und damit bin ich heute Abend nicht der einzige.

Gary hat Australien zu seiner Heimat erkoren. Er kommt ursprünglich aus Leeds, aus einer Bergarbeiterfamilie und ist hier auf Freundschaft- und Familienbesuch. Er erinnert mich an die USA, lebt den dortigen Traum, hat viele Jahre hart gearbeitet und kann seit drei Jahren von seinem ersparten Leben. Er wird sich wohl nie wieder in Lohnabhängigkeit begeben müssen. Eindrucksvoll erzählt er aus der Thatcher-Ära, wie seine ganze Familie gestreikt hat, seine Mutter zur Streikbrecherin wurde, weil ihre Gewerkschaft als erst klein beigegeben hat. Hätte sie weiter gestreikt, hätte sie als allein erziehende Mutter kein Einkommen mehr gehabt. Die meisten Freude von damals reden bis heute kein Wort mit ihr, sie immer noch die Streikbrecherin. Er erklärt auch das Finanzierungssystem der Zechen, die über Jahrzehnte Berge von Schulden auf die öffentliche Hand abgewälzt haben. Das Ende der Subventionen hat hunderttausende Familien zerstört und trotzdem sei es seiner Meinung nach notwendig gewesen.

Um halb zwölf fallen wir todmüde ins Bett.

Jürgen, Gary, Mary, Johan

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.