Tag 23 – 29 Lindås Hamn – Bergen

Ich sitze auf einer Fähre von Rosendal nach Os und die Landschaft ist märchenhaft. Auf den Bergen liegt der weiße Schnee, die Fähre spritzt die weiße Gischt weit zur Seite, der Himmel weiß oder grau, spiegelt sich im Wasser, das Land eine dunkle olive Leinwand, die den Blick versperrt. Farbe ist verschwunden. Die Dramatik entsteht, wenn sich die Leinwände/Berge gegeneinander verschieben und die Blicke in die Täler gleiten können; riesige Rutschen.

Alle Zustände des Wassers geraten hier in Norwegen nie aus dem Fokus: Eis, Wasserdampf und Wolken ein ewiger Kreislauf an dem auch wir, Menschen und alles Leben, hängen. An die vom Eis der letzten Eiszeit glattgeschliffenen Felsen klammern sich Kiefern und andere Bäume.

Ich werde langsam ruhiger, finde ein Gleichgewicht und weiß nicht, wie viel Einfluss Jürgen, Cecilia und Christian – Freunde – daran haben. Wir verbringen viel Zeit miteinander, ich bin nie alleine und weil es Freunde sind, auch nicht einsam. Ich frage mich, ob ich dieses Gefühl aufrechterhalten kann, wenn Sie sich wieder auf den Weg in die Heimat machen, während ich wieder ins Ungewisse aufbreche. Langsam wird mir klar, was für einen riesigen Umbruch ich in meinem Leben herbeigeführt habe: Arbeit, Wohnort, Freunde. Mein Leben ändert sich, es entstehen Risse und ich kleistere sie mit Konsum zu: Unterkunft hier, Unterkunft dort, neuer Pullover, neue Jacke, neuer Helm, … So wird es nicht weitergehen aber es wird weitergehen.

Die Fähre von Rosendal ist längst an ihrem Ziel angekommen und ich sitze mittlerweile auf einer unbequemen Couch in einer riesigen Wohnung mitten in der Altstadt von Bergen. Doch:

Lindås bringt zwei geruhsame Tage. Wir wandern los, ohne Ziel: Häuser am Meer, an den Hängen, mit Aussichten, die wir uns nur vorstellen können. Wir landen durch ein Gespräch mit einer Norwegerin auf einer kleinen Landenge zwischen zwei Felsen und haben in zwei Richtungen das Meer in Buchten vor uns liegen. Wieder fügen sich alle Elemente der Landschaft zu einem japanischen Garten zusammen. Am Ende treiben wir Anglern in die Arme, die zu viel Fisch gefangen haben, so dass wir auch noch auf unser Abendessen getroffen sind.

Eine Bucht wie am Mittelmeer.

Ein Ausflug nach Haugesund. Mir werden die pittoresken kleinen Jugendstilhäuser in dem Wohngebiet in Erinnerung bleiben, wo wir unser Auto kostenfrei parken konnten. Es bleibt aber auch das viele Geld ausgeben in meinem Gedächtnis kleben. So wird es nicht weitergehen, aber es wird weitergehen.

Das Ferienhaus in Lindås ist perfekt. Es ist klein und wirkt doch durch einen in den Dachstuhl geöffneten Wohn- und Essbereich sehr großzügig. Es gibt zwei Schlafräume und wenn man den Spitzboden mit vier Betten hinzuzählt, drei. Neben dem Ferienhaus ist ein kleines Gebäude mit einem weiteren WC, zwei Tiefkühltruhen, Waschmaschine und Trockner. Die Wohnung ist auf Angler ausgerichtet. Alles rot gestrichen und aus Holz, oben auf dem Berg und wer will, kann eine Angelboot mitmieten.

Die Erfahrungen mit den Fähren, die gar nicht mehr fahren (Stavanger-Tau) oder gar nicht so oft (Jelsa-Nedstrand), ziehen weitere Recherchen nach sich und die Erkenntnis, dass der Plan nicht eingehalten werden kann. Dies eröffnet aber auch die Möglichkeit die Prioritäten neu zu setzen. Die Zeit mit Jürgen bekommt viel mehr Gewicht, so dass der Mangel an Fähren und das Verbot von Radfahrern in den langen Tunneln jetzt dazu führt, dass Strecken sich verkürzen. Aus zwei Tagesetappen werden eintägige Touren und die Zeit mit Jürgen verdoppelt sich. Die Zeit streckt sich, räkelt sich und fällt mir in die Arme. Das Aufbäumen des Winters – zwischenzeitlich wurden in Odda mal -12°C vorausgesagt – verliert seinen Schrecken; es kommt ja immer mehr Zeit und ich habe sie.

Für die Fahrt von Haugesund nach Odda sind wir zunächst auf einen Transit mit dem Auto angewiesen. Jürgen fährt uns zum Fähranleger nach Leirvig, weil der Tunnel dazwischen für Radfahrer gesperrt ist. Die Fähre ist eine Schnellfähre, das Wasser spritzt nur so zur Seite und gefühlte Minuten später stehen wir in Sunde am Kai und wir steigen endlich in den Sattel.

Christian und ich fahren unterschiedlich. Er fährt sportlicher, hat mehr Muskelmasse zur Verfügung. Ich fahre immer langsamer. Er fährt vor und an Stellen, die einen Aufenthalt lohnen, wartet er. Zum Ende fahren wir mehr zusammen und Gespräche entstehen. So überredet er mich, meine Kleidung während der Fahrt öfter den gerade herrschenden Bedingungen anzupassen. Es erscheint logisch, das zu tun, entspricht jedoch nicht meinem Verhalten. Umziehen bedeutet anhalten, stoppen, in sich kehren, überlegen. Es ist Teil des von A nach B kommen aber in dem Moment eben ein nicht-vorankommen. Ich entdecke das Umziehen, auch weil es durch die Regenschauer notwendig wird und weil es das Wohlbefinden steigert. Warum bin ich so erstaunt darüber?

Eines der wenigen Fotos, ich habe irgendwie nur gefilmt.

Ich habe es schon beim ersten Berg in Gitlevåg gemerkt und es bisher nicht auf andere Situationen anwenden können. Als ich dort den Berg hinaufgefahren bin, habe ich irgendwann angefangen Golfbälle (Vemessungspunkte) zu filmen. Viele Pausen helfen, machen Spaß, weiten den Blick. Es gibt so viele Gründe anzuhalten und etwas anderes zu tun als in die Pedalen zu treten und in seine Wäsche zu schwitzen: Regenklamotten anziehen, Regenklamotten ausziehen, einen schönen Blick filmen oder fotografieren, ein Kleidungsstück anziehen, weil es kalt ist, oder eines ablegen, weil es zu warm ist, einen Unterstand nutzen, einen Tee trinken, etwas essen, eine Einkaufsmöglichkeit oder ein warmes Wartehäuschen nutzen, … All das tun wir an diesem Tag und die Kilometer purzeln nur so ins Tacho. Über zwei Stunden sitzen wir in einem Glaspavillon mit Fußbodenheizung in dem wohlklingenden Ort Rosendal, der als Wartehalle für die Fährlinien dient, weil es toll ist und guttut. Die Ausblicke auf die umliegende Landschaft sind spektakulär, mir gehört nichts davon und ich schwelge im Luxus.

Die tolle Wartehalle in Rosendal

Die Landschaft steigert sich in immer opulentere Ausblicke, je weiter wir in das Tal vorstoßen, an dessen Ende der nächste Tunnel mit Fahrradverbot in den Berg hinabsteigt. Der Fjord verengt sich, Berge verschieben sich gegeneinander, die Schneegrenze kommt immer tiefer, je weiter wir ins Landesinnere vorstoßen. Der Fjord endet in einem riesigen Amphitheater, oben Gletscher: Staunen.

Wieder eine Autofahrt später kommen wir an unserer Hütte in Odda an. 21 Quadratmeter inklusive Wände, wie sich herausstellt. Eine Ausziehcouch und ein Doppelstockbett nehmen die Hälfte des Raumes ein, zwischen ausgezogener Couch und Doppelstockbett 50 cm (maximal). Zu eng für uns vier. Wir mieten eine zweite Hütte.

Wieder lassen wir die Seele baumeln. Wandern Richtung Buarbreen, einer Gletscherzunge die acht Kilometer von den Hütten entfernt oben im Tal zu sehen wäre, wenn man dorthin gelangen könnte. Jeder achtet auf sich, Christian und Cecilia drehen nach fünf Kilometern um, während Jürgen und ich bei leichtem Schneefall weiter den Feldweg ins Tal hochsteigen. Der Weg endet an einem Bauernhof. Irgendwo unter dem weiten Schneefeld sollen Parkplätze sein. Von hieraus muss man wissen, wo der Weg verläuft. Der Berggrat rechterhand, hinter dem die Gletscherzunge liegt, wird von uns nicht erreicht. Stille, bis auf den Wasserfall, der von dickem Eis gesäumt ist. Wir drehen um und steigen ins Tal hinab.

Oben liegt Schnee
Blick ins Buardal
Grandiose Bergkulisse

Der zweite Tag in Odda: Stadtwanderung. Hier war einmal einer der giftigsten Orte der Welt. Alles Leben im Fjord drohte abzusterben, weil eine Zinkhütte schwermetallhaltige Abwässer ins Wasser entsorgte. Mitten im Ort liegt eine große Halle zur Lagerung der Erze und Kohlen und weitere alte Industriebauten, die jetzt nach und nach umgenutzt werden. Eine Seilbahn führt, funktionslos zwar, durch die Stadt, immer noch zum ehemaligen Hafen: ein Lost Place offen, ohne Sicherung und Absperrung, mit offenen Türen. Es liegen noch Kohlen dort, wir schauen uns um, die Technik der Seilbahn wirkt weitestgehend intakt. 

Das UFO schützte Autos und Fußgänger vor herfallendem Erz oder Kohle der Seilbahn in ODDA
An der alten Lagerhalle im Zentrum Oddas
Im stillgelegten Hafengebäude der Seilbahn liegt noch Kohle
Technik der Seilbahn

Es geht weiter nach Bergen. Jürgen fährt uns wieder durch den Tunnel mit Fahrradverbot. Christian und ich fahren dann mit Fahrrad zunächst die dreißig Kilometer nach Rosendal zurück, ohne einen Funken des Bedauerns, dass wir diese Strecke ein zweites Mal fahren müssen. Das Wetter ist so gut, dass wir den Wartesaal, der uns auf der Hintour so hervorragende Dienste geleistet hat, gar nicht nutzen. Wir sitzen eine Stunde in der Sonne und warten, dass die Fähre von Rosendal nach Os ablegt.

Die Strecke von Os nach Bergen folgt einer sehr vielbefahrenen Straße: Verkehrslärm. Die Bebauung wird immer dichter, es irritiert mich. In Kristiansand habe ich das letzte Mal so viele Häuser gesehen, es scheint Jahre her zu sein. Im Zentrum stehen die Prachtbauten einer neben dem anderen und der Hafen und Autos und wir mitten unter ihnen. Direkt im Zentrum mag ich es, es sind dann doch erstaunlich wenig Autos. Der Weg dorthin geht durch eine Anhäufung von anonymen Wohnblocks und Hauptverkehrsstraßen, die die Landschaft überwuchert haben. Ein Schwarzer auf einem grünen Mountainbike fährt auf dem Gehweg, was hier üblich ist, den Berg hoch. Unsere Blicke treffen sich, wir grinsen uns an und ich denke an Afrika: Wann werde ich dort sein? Im Warmen!

Das Equivalent zur Hafencity in Hamburg

Die eigentlich gebuchte Ferienwohnung liegt außerhalb des Zentrums, konnte aber wegen eines Coronafalles nicht an uns vermietet werden, warum auch immer. So kamen wir zu diesem Upgrade: eine Fünfzimmerwohnung mitten im Zentrum, zwei Blocks vom Hanseviertel entfernt, in Sichtweite des Hafens. Es gibt zahlreiche Hinweise darauf, dass wir die ersten Mieter in dieser Wohnung sind: diverse Preisschilder an Möbeln, kaum Schmuck in irgendeiner Form. Es gibt halt Vorteile und Nachteile. Ein Nachteil ist die Parkplatzsituation: die ersten drei Stunden kosten 15 Euro. Jürgen sucht nach Alternativen und findet ein Parkhaus, das zwanzig Euro den Tag kostet. Als wir das Parkhaus erreichen, erklärt sich, warum die Stadt so wenig Auto zeigt: Auf vier Ebenen wurde ein gigantisches Parkhaus über vier Blocks unter die Altstadt in den Berg gebohrt, das jedes Auto verschlingt und in sich aufnimmt. Keine Schranke, einfach einfahren, in einer App registrieren, Nummernschild wird gescannt, Parkgebühr wird vom Konto abgebucht. Ich verliere in Norwegen jegliche Übersicht über meine Ausgaben.

Abfahrt in den Berg zur Autoaufbewahrung in Bergen

Heute waren wir in Stadtteil Bryggen und alles was mir einfällt ist ein Zitat von einem Norweger, der ein Geschäft betritt, als ich es verlasse: „En annen Touristfalle!“ Ich muss lachen. Der Regen treibt uns bald in die Wohnung zurück.

Bergen in der Dämmerung

Die nächste Trennung von Jürgen rückt näher.

2 Replies to “Tag 23 – 29 Lindås Hamn – Bergen”

  1. Diana und Lutz

    Re.: „ Glaspavillon mit Fußbodenheizung in Rosendal … Die Ausblicke auf die umliegende Landschaft sind spektakulär, mir gehört nichts davon und ich schwelge im Luxus.“

    Für ein weiteres Luxus Glück haben wir folgenden Tip:
    🚵‍♂️…dauert leider nur noch ein bisschen… 🚵‍♂️

    360°-Panorama Bycickle Shelter Grunnfør Dyrefredningsomrade
    Koordinaten: 68.423902, 14.563002

    https://www.70n.no/Grunnfor-bicycle-shelter-encountering-the-environment

    Übersetzung:
    „Der Fahrradunterstand liegt bei Grunnfør auf Austvågøy auf den nördlichen Lofoten mit freiem Blick nach Norden zu den Vesterålen und einem großartigen Blick nach Süden auf die Berge im Süden. Hier kann der Besucher Schutz vor dem Wind suchen, der äußerst grausam sein kann, und auch ein großartiges Naturerlebnis haben.

    Fahrräder können auf der Eingangsebene abgestellt werden, wo man in einem einfachen, aber schön geschützten Raum auch Essen zubereiten kann. Auf der oberen Ebene lässt sich die atemberaubende Natur in einem 360°-Panorama erleben.

    Es wird mit einer tragenden Fachwerkkonstruktion aus Stahl, kombiniert mit Holzbolzen, errichtet. Die holzverkleideten Stahlkonstruktionselemente schaffen intime, abgeschirmte Räume innerhalb des Aussichtsraums. Die gewählte Konstruktion erlaubt auch eine Ganzglasfassade mit 360°-Ausblick. Die untere Ebene hat einen Betonboden und die obere Ebene einen Holzboden (OSB). Der Innenraum besteht aus Sperrholz und die Fassaden sind mit Holz verkleidet.

    Aus 1000 Tipps von 100 Architekten:
    „Meditieren Sie über Ihre Umgebung und begegnen Sie der Umwelt. Im Radfahrerhaus auf Grunnfør, Lofoten, können Sie die Aussicht betrachten und in einem 360°-Panorama mit der umliegenden Natur in Kontakt treten: ein Beobachtungsposten in der Landschaft, kaum sichtbar, aber sehr präsent auf dem Gelände.“

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  2. Rita Jürs

    Da hab ich ja noch eine schöne gute Nacht Geschichte bekommen. Von Bergen habe ich einen schönen Wochenmarkt in Erinnerung.

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