Plaskett – Montara

Der Weg von Plaskett nach Marina wird zur Tortur: Der Regen und die nicht enden wollenden Aufs und Abs. Nach zwanzig Kilometern bin ich im Tritt, weiß aber, dass sich diese Anstrengung die nächsten Tage rächen wird. Ich bin nun seit LA den zehnten Tag auf dem Rad; ich merke das.

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Die ganze Gegend hier wird Big Sur genannt. Auf der Karte ist es ein Tal und bevor ich in dieses Tal gelange, muss ich mich über vier Kilometer noch mal auf fast 300 Meter hochkämpfen. In strömendem Regen geht es den Berg runter durch den Redwoodwald. Danach muss ich nur noch zwei mal auf etwa 150 Meter, der Rest ist verhältismäßig eben, wenigstens der Rückenwind ist auf meiner Seite.

In Marina suche ich den Campingplatz der Bike/Hike anbietet. Dort können Radfahrer für 10,- $ ihr Zelt aufschlagen. Ich gelange jedoch zum falschen, der richtige ist etwa sechs Meilen zurück. Ich überlege nicht lange: Nein, ich bleibe hier. Diese Entscheidung kostet mich dreißig Dollar. Der Campground besteht aus fünf Plätzen, von denen zwei mit Angestellten des Platzes belegt sind. Ich denke an Sylt und frage mich, wann es dort so teuer wird, dass die Leute, die dort arbeiten, in Zelten schlafen müssen. Es gibt für den ganzen Platz drei enge Duschzellen und drei WC´s. Um 20:00 Uhr wird es dunkel und der Versuch, zum Zähneputzen in den Nassbereich zu kommen, scheitert zunächst daran, dass er abgeschlossen ist. Erst durch Zufall erfahre ich den Zahlencode für das Schloss. Drinnen ist es dunkel, das Licht wurde abgestellt. Ich überlege, dass ich dreißig Dollar für diesen Platz reichlich überzogen finde.

Selbst am nächsten Morgen lässt sich das Licht nicht anschalten. Um acht Uhr bin ich auf dem Weg nach Ben Lomond in den Bergen nördlich von Santa Cruz. Ich komme, trotz leichtem Rückenwind, nicht richtig in die Gänge. Es tritt das ein, was ich erwartet habe. Die Anstrengung der letzten zwei Tage sitzt mir in den Knochen. Erst nach sechzig Kilometern entspannen sich meine Muskeln und das Fahren beginnt, Spaß zu machen. In Santa Cruz sind so viele Surfer im Wasser, dass es Schaulustige anzieht, die oben in der Stadt auf der Klippe stehen und den Brettakrobaten zuschauen. Die meisten können sich, wenn überhaupt, zirka fünf Sekunden auf dem Brett halten, wenn sie eine Welle reiten und ich frage mich, ob das die Anstrengung des Rauspaddelns wert ist?

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In Santa Cruz folge ich dem Fluss, der nach Ben Lomond führt. Sobald ich aus der Stadt raus bin, beginnt die Straße anzusteigen. Auf den nächsten vier Kilometern geht es 140 Meter hoch. Der Weg ist atemberaubend schön und ich bin froh, jetzt einigermaßen entspannt fahren zu können um die großen Redwoodbäume betrachten zu können. Die Straße ist eng, aber ich vertraue auf die amerikanischen Autofahrer, die mir bis jetzt noch nichts angetan haben. Kurz vor Coleens und Jeffs Haus muss ich dann nochmal dreißig Meter hoch.

Meine erste Aktion wird die Ausbreitung meiner nassen Sachen auf ihrer Veranda sein. Während ich den ganzen Tag eher gefröstelt habe, herrscht hier eine Gluthitze, die ich richtig genieße. Im Zelt finde ich dann die letzten Überreste des Sandsturmes in der Wüste, die sorgfälltig zusammengekehrt werden und in einen Briefumschlag gefüllt werden, was Coleen amüsiert.

Sie wohnen ganz oben auf dem Berg mit Blick auf die Wälder. Von den Nachbarn bekommt man erstaunlich wenig mit. Sie haben sich hier vor einigen Jahren niedergelassen und genießen das Rentendasein. Die Rente in den USA besteht aus einem staatlichen Gesundheitsystem, einer monatlichen Zahlung, die sich am ehemaligen Gehalt orientiert und dem, was man sich während seiner berufstätigen Zeit zurück gelegt hat. Wer das nicht getan hat, muss in der Regel gut verdient haben, einen Nebenjob annehmen oder weiterarbeiten. Jeff und Coleen haben gut auf ihr Sparkonto eingezahlt, sich dieses Haus gekauft und ihrer Tochter eine gute Ausbildung verschafft. Sie wird im Gegensatz zu vielen anderen, die ich in diesem Land getroffen habe, ohne Schulden in ihr Berufsleben starten. Ich erfahre im Gespräch, dass die Vergabe von Studienplätzen gelegentlich etwas undurchsichtig ist. Ihre Tochter zum Beispiel hat den Studienplatz als Ingenieurin bekommen, weil sie vorher nichts mit Mathematik und Technik zu tun hatte. Es gab ein Programm an der Uni, in dem man sehen wollte, wie sich Frauen, die nichts mit Technik am Hut hatten, in diesem Feld schlagen. Ihre Tochter hat sich vorzüglich geschlagen, ist gerade mit Apple im Kontakt und hofft dort auf einen Arbeitsplatz.

Jeff macht mit mir noch einen Ausflug in den Henry Lowell Redwoods State Park. Wir folgen dem Fluss ein Stück und plötzlich stehen wir vor riesigen Bäumen, den Redwoods. Dies sind die Überreste des ehemaligen Waldes, der hier vor Ankunft der Siedler aus dem Westen stand. Weite Teile dieses Tales sind wieder aufgeforstet worden mit Redwoods, doch haben diese etwa hundert Jahre alten Bäume bei weitem noch nicht die Höhe dieser Bäume hier erreicht. Ein Baum ist so groß, dass man in sein Inneres eine Höhle geschnitzt hat, in die man durch einen winzigen Durchlass gelangen kann. Feuer, die Jahrzehnte her sind, haben verkohlte Rinde hinterlassen, ohne dass sich die Bäume dadurch am weiteren Wachsen hindern lassen. Drei bis vier Meter Durchmesser haben die Stämme hier und dies sind noch nicht die größten Redwoods, die es an der Küste gibt.

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David aus Los Osos hat eine Hütte am Yosemite National Park und hat mir Fotos von den Redwoods dort gezeigt. Dort hat man Straßen durch die Stämme gebaut. Er erzählt von einem Hotel, das vor hundert Jahren aus einem einzigen Redwoodstamm gebaut wurde. Redwoodwälder regenerieren sich auf eine besondere Art und Weise: Wenn ein Baum gefällt wird, dann wachsen um diese Stelle aus den Wurzeln neue Bäume hervor. So entstehen die sogenannten Cathedrals (Kathedralen): mehrere Redwoods wachsen kreisförmig um diesen ehemaligen Baum empor, was ein einmaliges Raumgefühl gibt.

Zum Abendessen grillt Jeff Fisch, der hervorragend schmeckt. Ich frage, was das für ein Fisch ist und erfahre zu meinem Erstaunen, dass es Schwertfisch ist. Da er ihn in einem Biomarkt gekauft hat, gehe ich davon aus, dass er aus nicht gefährdeten Beständen stammt. Ich werde mich zu Hause erkundigen, wo man dieses leckere Zeug bekommt. Mein Schlafplatz ist auf einer Loggia mit Fenstern, die so niedrig anfangen, dass ich aus dem Bett bequem auf die waldigen Hügel schauen kann. Viel zu schnell schlafe ich ein und kann den Anblick gar nicht genug genießen.

Heute nehme ich dann das Angebot von Jeff an, mich über die Hügelkuppe zum Pazifik zu fahren. Ich habe noch überlegt, ob ich mich nicht die Straße runter nach Santa Cruz rollen lasse und von dort nach Montara fahre, weil das irgendwie konsequenter wäre. Bin dann aber zu der Entscheidung gelangt, dass ich es ein wenig ruhiger angehen lasse, damit ich ein wenig erholter in San Francisco ankomme. Die Entscheidung war goldrichtig, merke ich, als ich in Davenport auf das Fahrrad steige: Wind mit 50 km/h kommt mir frontal entgegen.

Bei Kilometer 30 überhole ich zwei Obdachlose und stelle erstaunt fest, dass es die beiden aus der Wüste sind. Wir schnacken kurz, wünschen uns alles Gute und trennen uns wieder. Nach 55 Kilometern komme ich endlich in den Tritt und kann die Fahrt genießen. Kurz vor Half Moon Bay fallen mir dann die Massen an Autos auf. Zunächst führe ich das auf den Sonntag und das nahe San Francisco zurück, denke, dass es Sitte ist, am Sonntag einen Ausflug machen. Die Zahl der Oldtimer und Funcars ist beträchtlich, jeden vierten Wagen würde ich dazu zählen.

Vier Kilometer vor meinem Ziel kaufe ich noch Getränke ein und erfahre, dass auf dem Flughafen die ´Dream Machines 2016´ stattfindet. Im Vorbeifahren erkenne ich PS-starke Autos, auf dem Pazifik ebensolche Rennboote und in der Luft alte Flugzeuge. Auf dem Rollfeld liefern sich zwischen den Starts und Landungen Autos Rennen. Ich bin schneller als die Autos, die zur Veranstaltung wollen und der Pracour ist ein Lehrbuch der amerikanischen Autogeschichte. Kein einziger VW Käfer steht in der Schlange, scheint eine andere Zielgruppe zu sein.

Mein Ziel ist das Montara Lighthouse. Eine Jugendherberge am alten Leuchtturm. Ein stilvoller Tagesabschluss. Ich hoffe, keine Schnarcher im Zimmer zu haben.

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5 Replies to “Plaskett – Montara”

  1. Werner Jürs

    Hallo Thomas!
    Deine Parkgeschichten und Bilder sind Super! Bring doch sonn Bonsai im Handgepäck mit, dann können wir ihn hier wachsen sehen.
    m.H.n. 7 Tage
    Gruß V

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    1. Werner Jürs

      Hallo Thomas!
      Musste schmunzeln, wie du alte Bekannte wieder getroffen hast. Diesmal waren sie ja wohl besser ausgerüstet.
      Die Landschaft ist wirklich einmalig. Und wie schon vieles blüht. Wir hatten heute morgen Schnee. Kein Witz.
      Bei ganz alten Dingen bekomme ich Gänsehaut. So würde es mir auch bei den Bäumen ergehen. Ich würde ganz schön frieren, und dann der Gedanke was die alles erzählen könnten.
      Ich wünsche dir weiterhin gute Fahrt und das du nicht zu kaputt in SF an kommst.VLGM

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  2. hanne hartung

    Die Landstreicher sind aber schneller als Du.Trödelst Du etwa? Sicherlich werden sie öfters im Auto
    mitgenommen und haben keinen Blick für die Schönheiten der Natur.
    Ja,ja jetzt geht es langsam dem Rest entgegen.Wir freuen uns mit dir,das du nun einen größeren
    Betrag bei deiner Ankunft in SF überreichen kannst.
    Bis bald Hanne und Helmut

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  3. Werner Jürs

    Hallo Thomas!
    Geschafft. Willkommen in SF. Gerne hätte ich dich dort empfangen. Wünsche dir noch einen schönen Abend.
    Ich und Lilly gehen noch einmal schlafen. V ist schon wieder im Bett, nachdem er draußen war und Bilder gemacht hat. Es liegt jede Menge Schnee. Mal sehen wie viel nachher noch da ist.
    Gut Nacht. VLG Mutter
    Bis nach her

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