15 Cambridge – Glemsford

Um 8:30 Uhr muss James los zur Arbeit. Wir frühstücken in Ruhe zu Ende und machen uns dann auf den Weg zu King College Chapel. Die Kapelle ist eigentlich eine ausgewachsene Kirche. Die Größte im Stil der englischen Gothik (Perpendicular Style). 9 Pfund finde ich zwar nach wie vor ein wenig happig, aber irgendwie muss man die Besucherströme ja in den Griff kriegen; auf diese Weise hat der Besuch schon eine gewisse Exklusivität.

Im Innenhof wird gerade der englische Rasen gepflegt. Ein Hektar Rasenfläche hinterlassen erstaunlich wenig Grasschnitt.

Nach einem kurzen und routinierten Einkauf, machen wir uns um 11:30 Uhr endlich auf den Weg nach Glemsfort. In Cambridge komme ich endlich dazu einen Park zu fotografieren, der eine englische Eigenart zeigt: In den Parks werden Kühe gehalten.

Die fünfzig Kilometer nach Ickworth Estate haben wir schon um 14:00 Uhr hinter uns gebracht. Einige schöne Häuser lagen auf dem Weg. Von der vielfach berichteten Flachheit der Landschaft hinter Cambridge haben wir zwar nichts mitbekommen doch sind die Anstiege bei weitem nicht mehr so lang und so lohnt es sich aus dem Sattel zu kommen und die letzten dreizig Meter stehend kurbelnd zu erzwingen.

Zunächst sehen wir Ickworth Hall nur einen großen grauen klassizistischen Bau zwischen den Bäumen, der sich beim Näherkommen als ein Seitenflügel herausstellt. Hatten wir gestern geglaubt, dass das Non-Plus-Ultra gesehen zu haben, werden wir heute eines besseren belehrt. Doch zunächst platzt mir ein wenig der Kragen, hier sind die Fahrradplätze so unauffällig hinter Büschen versteckt, dass sie jedem Dieb ideale Vorraussetzungen für seine Vorhaben bieten. Ich weigere mich sie zu nutzen und teile dies auch deutlich dem Ticketverkäufer mit, der wohl dachte mir mit den Plätzen ein tolles Angebot zu machen. Verschnupft lässt er michstehen.

Am Eingang zum Haus dann die Überraschung, dass wir wohl nicht die ersten Radler sind, die sich beschweren. Jedenfalls kommt sofort eine junge Frau auf uns zu, zeigt direkt neben die Tür, dort sollen wir unsere Räder hinstellen und bindet an jeden Lenker eine Nummer. Beide bekommen wir ein Kärtchen mit der gleichen Nummer. Bei Abreise bitte die Nummern zurück geben.

Ickworth Haus besteht aus der Rotunda, einem runden Zentralbau, an dem im Osten und Westen symmetrisch zwei große, klassizistische Flügelbauten angesetzt sind. Der westliche wird als Hotel genutzt, der östliche beherberg die Orangerie mit Café und verschiedene Funktionsräume.

Zunächst geht die Tour durchs Haus vom östlichen Flügelbau in denn Keller der eindrucksvoll die Arbeitsbedingungen der Angestellten dokumentiert. Kesselräume zur Warmwasser und Eletrizitätserzeugung, Wasseraufbereitung, ein Zimmer für die Verwaltung, Schlafräume ohne Fenster, für die höher gestellten ein Kellerfenster, … Am Ende der Kellertür geht es über die Angestelltentreppe hoch in die Eingangshalle der Rotunda, die ist so riesig, dass selbst Jürgens Weitwinkel es nicht erfassen kann und macht die Klassenunterschiede um so wahrnehmbarer. Eine lebensgroße griechische Statuengruppe ist der einzige Schmuck im Erdgeschoss, ansonsten wirkt nur die pure Größe. Das Erdgeschoss der Rotunda besteht nur aus vier Räumen: Empfanghalle, kleiner Warteraum, Bibliothek, Besprechungszimmer.

Über den Flur zum Ostflügel geht man in das Raucherzimmer, hier hängen beeindruckende Namen an der Wand: Albrecht Dürer, Tizian, Holbein der Ältere, … Ein Novum, was ich bisher nich nie in einer Gemäldesammlung gesehen habe, zwei Bilder Gemälde aus dem 18. Jahrhundert von Frauen gemalt. Wenn man bedenkt, dass noch bis heute ungern darüber geredet wird, dass Camille Claudel, eine Lebensgefährtin von Auguste Rodin in die Psychiatrie gebracht wurde, weil sie für sich die Bezeichnung Künstlerin in Anspruch nahm, ist dies ein enormer Ausdrucke einer liberalen Weltanschauung, die so noch nicht gesehen habe.

Über den Flur zum Westflügel kommt in das Pompejizimmer, ein komplett mit Trompe-l’œil ausgemalten Zimmer. Man wähnt sich in eine antike römische Villa versetzt. In der Mitte ein Tisch in dessen Zentrum sich ein stattliches Mikromosaik befindet. Ich habe von diesen Arbeiten gehört und was für Unsummen für sie aufgerufen werden. Hier kann ich das erste Mal die Feinheit der Millimetergroßen Steine bewundern. Die Frau vom National Trust freut sich, dass ich den Wert ohne ihre Erläuterungen erkenne; es musste ja zu was gut sein, dass ich Kunst studiert habe.

Mikromosaik

Immer wieder treffen wir auf Bücherregale in diesem Haus, die von der Belesenheit der ehemaligen Besitzer zeugen. Über die große Treppe der Eingangshalle gelangen wir in den dritten Stock. Zwischen dem Erdgeschoss und dem dritten Stock ist fast unbemerkt ein niedriger zweiter Stock für Lagerräume und Angestellte untergebracht. Das ist so unauffällig gemacht, dass selbst die ehrenamtliche Helferin des National Trust bisher noch nicht darüber gestolpert ist.

Plötzlich kommen Helfer des National Trust auf uns zu und erklären uns, dass sie jetzt das Haus schließen. Zweieinhalb Stunden waren wir hier, für den Garten nehmen wir uns nur noch kurz Zeit,

bevor wir geschwind die letzten fünfundzwanzig Kilometer in Angriff nehmen.

Schöne Unterkunft beziehen, Duschen, Essen gehen beim Chinesen: Jürgens Glückskeks ist leer.

4 Replies to “15 Cambridge – Glemsford”

  1. Werner

    Dann spielen wir Glückskeks. Wir wünschen dir, Jürgen, für die kommenden Tage eine schöne erlebnisreiche Zeit.

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