14 Bedford – Cambridge

Man merkt langsam, dass wir im Training sind. Denn heute fahren wir um etwa um 10:00 Uhr los, machen alle fünfzehn Kilometer eine Pause und erreichen ziehmlich zügig Wimpole Estate. Wie eigentlich immer kommen wir auf einer Nebenstraße auf dem Anwesen an und stehen plötzlich vor den großen Häusern, so auch hier. Immerhin sind in der letzten Zeit die Seitentore auch für Radfahrer durchlässig, was hier keine Selbstverständlichkeit ist.

Wimpole setzt neue Maßstäbe in der Größe der Anwesen. Die Eingangshalle ist riesig, beeindruckend. Bis unter das Dach geht die Halle und eine runde Glaskuppel lässt Tageslicht herunter scheinen. Der Schriftsteller Kipling hat hier gearbeitet und mit seinen Büchern so viel Geld verdient, dass es bis in die 50er Jahre gereicht hat, um dieses Anwesen zu unterhalten.

Ein wenig schade finde ich, wie mit der Geschichte umgegangen wird. Die letzte Nachfahrin der Kiplings hat hier gewohnt und zwei Schandtaten begangen. Der Küchentrakt war irgendwann so heruntergekommen, dass sie ihn kurzerhand abgerissen hat. Die neue Küche wurde im Haupthaus in das protzige Esszimmer eingebaut, in den 50er Jahren wohlgemerkt. Im ersten Stock hat sie auf der Rückseite, die auch die Südseite ist, ihr Schlafzimmer und das Arbeitszimmer gehabt. Sie hat sich für diese Seite entscheiden, weil hier die Sonne häufiger hereingeschienen hat und so it weniger Heizkosten anfielen. Das ehemalige Ankleidezimmer hat sie zu einem Badezimmer ausgebaut, im 50er-Jahre-pink. Beides die Küche und das Badezimmer wurden vom National Trust entfernt, obwohl sie meiner Meinung nach Zeichen der Zeit sind, wie mit diesen Häusern in der Geldnot umgegangen wurde.

In Wimpole wurde zumindest versucht, die Situation der Angestellten zu dokumentieren. Zwei Zimmer der Angestellten sind zugänglich gemacht worden, was das erste Mal in unserem Urlaub der Fall ist. In einem Land, in dem die Gewerkschaften erfunden wurden und das wie kein anderes für den Stolz der Arbeiterklasse steht ist das wenig schmeichelhaft.

Der Garten zeigt zwei Besonderheiten. Zum einen empfängt Wimpole den Besucher mit einer gigantischen vier Kilometer langen Sichtachse vor dem Hauptportal. Zum anderen haben wir hier wie bei keinem anderen Garten den Übergang vom strengen formalen Garten direkt am Haus zur gestaltete offene Natur in der Ferne wahrnehmen können. Als wir durch das Tor auf das Anwesen kommen, fielen sofort die einzeln und in Gruppen stehenden Bäume auf. Das diese Bäume nicht zufällig an den Orten stehen, lässt sich gut daran fest machen, dass es zum Teil um Exoten handelt.

Näher am Haus formieren sich die Bäume zunehmend so, dass Sichtachsen entstehen. Noch näher am Haus finden sich Bäume die in Form geschnitten wurden und dann schließlich zu formalen Beeten gepflanzt sind.

Beeindruckt verlassen wir Wimpole und sind viel zu früh in Cambridge. James unser heutiger Gastgeben ist noch bei der Arbeit: Termindruck, in zwei Wochen ist Abgabetermin für einen Antrag auf Forschungsdrittmittel. Bis dahin müssen noch eine Reihe von Tests ausgewertet werden. James ist Doktorand und forscht mit seinem Team zu den physiologischen Vorgängen der Zellteilung bei Bakterien. Sie erhoffen sich davon neue Erkenntnisse zur Wirkung von Antibiotika. Speziell versuchen sie Biomoleküle zu identifizieren, die bei Bakterien die Zellteilung in Gang setzen.

Er ist zunächst aufgeregt, wir sind die vierten Gäste über WarmShowers die er hat. Seine Freundin ist auch Doktorandin, jedoch in der Geologie und gerade auf Island, um Feldstudien durchzuführen, was die bestimmte Annahmen zur Erdbebenvorhersagbarkeit angeht. Er beneidet sie, dass sie regelmäßig zwei Mal im Jahr für ihr Forschungen ins Ausland muss; er muss nur ins Labor.

Nach der Dusche geht es in die Stadt. Zunächst in sein Lieblingpub zum Essen, dann einweitläufiger Spaziergang zu den schönsten Colleges. In Cambridge gibt es eine Universität, die in 30 Colleges unterteilt ist. Einige gehören zu den ältesten der Welt und sind über ein halbes Jahrtausend alt (Gründung 1284). Für die Studenten ist es Pflicht, am College zu wohnen. Während wir im dunklen durch die jahrhundertealten Innenhöfe wandern, fange ich an die Geschichten von Philpp Pullman über Oxford zu verstehen, diese mystische Stimmung, die diese uralten Gebäude der Gelehrsamkeit ausstrahlen. Der Wandel des Wissens, der sich gerade in unserer heutigen Zeit mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit vollzieht, scheint an den Mauern spurlos vorbei zu ziehen, sein eigenes Verständnis von Vergänglichkeit und Ewigkeit aufrecht erhaltend.

Wir haben heute so viel gesehen, wie kann es da sein, dass wir schon um 22:15 Uhr im Bett liegen?

😉

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