07 Manchester Congleton

Eine Sache sollte noch erwähnt werden: Jürgens Nabenschaltung funktioniert nicht. Ihm steht nur der erste und der fünfte Gang zur Verfügung und so bestehen die ersten zweieinhalb Stunden darin, einen fähigen Fahrradmechaniker zu finden, der uns helfen kann. Dr. Google hat uns nicht schlauer gemacht, eher die Ahnung genährt, dass seine Schaltung das zeitliche gesegnet hat.

Der erste Laden hat Montags nie einen Mechaniker vor Ort. Der zweite Laden ist geschlossen. Vor diesem Laden finden wir einen Radfahrer, der auch in den Laden wollte und ebenso vor verschlossenen Türen steht. Er gibt uns zwei weitere Adressen gleich um die Ecke. Der erste verkauft nur Fahrräder, bietet jedoch keine Reparaturen an (!?), beim nächsten ist Montags kein Mechaniker vor Ort. Der Chef hat jedoch Ahnung und bietet an sich das Problem anzusehen. Am Ende kann er uns jedoch nicht helfen, weil sich die Schaltung vollkommen anders verhält als sie es sollte: `Da muss ein richtiger Mechaniker draufgucken:´

Wir werden aber freundlich weiterverwiesen an den nächsten Laden, der Montags ebenfalls keinen Mechaniker da hat, werden nochmals weiterverwiesen an einen Laden der zwar einen Mechaniker da hat aber erste einen Termin in zwei Wochen. Da half kein Flehen angesichts unserer Reiselage: Der nächste Termin ist in zwei Wochen! Aber wieder der freundliche Verweis an einen anderen Laden wo man keine Termine machen braucht: Dort endlich eine Antwort. Der Mechaniker prüft die Schaltung während wir im Park warten und kommt zu dem Schluss, dass es was Ernstes ist und nur zusammen mit Shimano geklärt werden kann, das braucht ein bis zwei Tage!

Der Partyraum

Mit dieser Nachricht machen wir uns auf den Weg nach Congleton. In den Randgebieten Manchesters gelangen wir wieder auf einen dieser tollen ehemaligen Bahnstrecken. Wunderschönes, gemütliches radeln im Grünen ohne Verkehr. Schon bald biegen wir ab Richtung Disley und gelangen zum Haupteingang von Lyme Park. Der Herr im Kassenhäuschen ist überglücklich zwei Reiseradler zu empfangen. Wir erfahren, das das Herrenhaus und der Garten Eintritt kostet und Autos einen Extraobolus für die Einfahrt in den Park bezahlen müssen. Wir als Radfahrer bezahlen keinen Eintritt in den Park. Er kümmert sich nicht um die lange Autoschlange die sich hinter uns bildet und interviewt uns erst mal über unsere Reise. Die Engländer haben die Ruhe weg, keinen scheint es zu nerven, dass wir den Verkehr aufhalten.

Von hier geht es noch mal fast zwei Kilometer durch den weiträumigen Landschaftsgarten bis zum Herrenhaus. Wir fahren unterhalb eines Hügels an einem mehrstöckigen Turm vorbei, der, wie wir später erfahren, der Partyraum der Herren von Lyme war. Die Fahrradbügel sind direkt neben der Information. Wir stapfen einen steilen Hügel hinauf und treten durch ein Portal auf den großen Kieskreisel vor dem Herrenhaus. Ein großes Tor steht offen, durch das wir in den Innenhof gelangen. Im Teezimmer des Buttlers (das ist der Ranghöchste Angestellte unter den Bediensteten) ist die Kasse untergebracht, wo wir die schönsten Eintrittskarten bekommen, die ich je in der Hand gehalten habe.

Mit ihnen geht es zunächst in Herrenhaus, denn das schließt zuerst. Die Route durchs Haus ist der Route nachempfunden, die eine offizielle Gesellschaft auch gehen würde bei einem Empfang. Zunächst wird der Besucher mit einer riesigen Eingangshalle konfrontiert, die über zwei Etagen geht. Später kann man von einem anderen Zimmer in den Saal hinabblicken ohne dort gesehen zu werden. Diese geheime Stelle lässt sich wiederum hinter der Vertäfelung des Zimmer verstecken.

Man geht von einem prächtigen Zimmer ins nächste. Jedes hat seinen eigene Funktion, dient dem Tee trinken, dem Lesen, den Gesprächen, … Am Ende des ersten Teil gibt es die Treppe runter zum Ausgang oder für ganz besonders Vertraute die Treppe nach oben ins riesige Spielzimmer.

Nach dem Haus geht es in den Garten. Ich erinnere mich nur noch daran, dass er groß ist: ein See in dem sich das Haus spiegeln soll, eine große Orangerie. Am meisten Eindruck hinterlässt jedoch ganz eindeutig das Haus, mit dessen Pracht der Garten in keiner Weise mithalten kann.

Mit unseren schwer bepackten Rädern stehen wir vor der Information und studieren die Karte. Die Frage ist, ob wir mit den Rädern durch die beschriebenen Gatter kommen. Die Frau von der Information sieht uns da stehen und bejaht diese Frage. Nach zwei Kilometern stehen wir vor dem Gatter und müssen feststellen, dass dem nicht so ist. Was tun? Umkehren? (6 km Umweg) Oder etwa 150 Meter die Wiese und den Hügel runter die Fahrräder über das Leitergestell über den Zaun heben?

Über diese Treppe musst Du gehn

Hügel runter, Gepäck runter, Räder rüber, Gepäck hinterher, Räder wieder bepackt, weiter. 300 Meter weiter, den Hügel steil runter, stehen wir auf einem Hof. Es geht nicht weiter und die Karte gibt keine Auskunft woher die Straße kommt, die offensichtlich hierher führt. Erst nachdem wir suchen finden wir den kleinen Durchlass auf einen steilen, steinigen Weg, der nach etwa fünfzig Metern von einem Fußgängertor versperrt wird. Unser Stresspegel steigt. Zurück bedeutet jetzt auch noch, den steilen Hügel hochschieben. Wohl oder Übel hieven wir jetzt die Räder über diese Tor. Das nächste wartet 200 Meter weiter, wieder schleppen wir verärgert die Räder über das Tor. Es geht nun holprig querfeldein über eine Wiese, auf dessen anderem Ende ein enge Steinbrücke wartet, die über einen Kanal geht. Die Brücke ist so eng, dass die Räder it dem Gepäck gerade rüber passen.

Jetzt sind es nur noch 300 Meter zu dem Weg, auf dem wir eigentlich fahren wollen, auf die tolle ehemalige Bahntrasse, die wir vor wenigen Stunden verlassen haben. Die letzten Meter führen über eine Landstraße und zu unserem großen Erstaunen, gibt es keinen Zugang zum Bahndamm. Ein Wanderweg führt parallel zur Trassen, wieder versperrt uns eine Sperre, die nur Fußgänger passieren können, den Weg. Diese ist so hoch, dass wir wieder das Gepäck abpacken müssen, um die Fahrräder darüber zu bekommen. Weitere hundert Meter weiter endlich eine kleiner Durchlass für Fußgänger zum Bahndamm. Entnervt und gereizt zerren wir unsere Räder über die Barriere und sind endlich am Ziel.

Dieser Tag zeigt ganz besonders, wie sehr England in Sachen Radfahren ein Entwicklungsland ist. Keine 500 Meter Luftlinie von einem der wichtigsten Baudenkmäler des Landes entfernt, führt ein erstklassiger Radfernweg entlang und es gibt keine direkte Verbindung. Die Fahrradstellplätze sind an versteckten Plätzen angebracht, wir fürchten jedes Mal um unser Gepäck, das wir da zurücklassen. Eine Nabenschaltung, die in Deutschland zu den gebräuchlichsten überhaupt gehört ist in einer Stadt mit einer halben Million Einwohnern nicht aufzutreiben, geschweige denn, jemand, der sich mit ihr auskennt…

Am Ende des Bahndamms wartet ein Kanal auf uns, dem wir auf dem Treidelpfad folgen. Am Ende wird er holperig, der Weg ist verschwunden, wir fahren nur auf einer grob gemähten Rasenfläche. So kommen wir um etwa 19:00 Uhr wieder ziemlich geschafft bei unseren Hosts an: Mary und Paul wohnen in einem dieser klitzekleinen Häusern, die es hier auf der Insel zu Hauf gibt. Unten kleine Küche und kleines Wohnzimmer, darüber Bad und zwei winzige Zimmer. Alles ist recht heruntergekommen, der Teppichboden noch aus den Siebzigern, nur die Fahrräder sind ohne Tadel top gepflegt. In unserem Zimmer steht eine Kiste mit einem Kubikmeter Fahrradtrikots und irgendwie habe ich das Gefühl, wenn ich ein Teil rausnehme, dann wird das auffallen. Paul ist ambitionierter Radrennfahrer, fährt mehrfach im Monat rennen.

Wir werden nett aufgenommen, bekommen Essen und ich werde noch mal in meine Jugend zurückgeworfen. Pauls Iphone geht rum und jeder ist mal an der Reihe einen Song auf Youtube über den Fernseher abzuspielen. Jeder muss dann etwas zu den Interpreten und dem Lied sagen, was er toll findet und was er für ihn bedeutet, wie damals…

One Reply to “07 Manchester Congleton”

  1. Wolfgang

    O je, da seid ihr ja voll gebeutelt! Schaltung defekt, Linksverkehr, keine Ahnung, versperrte Wege! Die wollen definitiv den Brexit!
    Also mit meine Waltraud hätte ich sowas nicht machen wollen und dürfen…

    Reply

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