2. Tag San Francisco

Hab lange geschlafen. Um 11:00 Uhr hole ich die Bikebox ab und bin freudig überrascht, sie ist kleiner als die, die ich in Deutschland bekommen habe. Diese sieht handlicher und nach deutlich weniger Ärger am Flughafen aus; allerdings muss ich das Fahrrad dann doch sehr stark zerlegen.

Dann mache ich mich auf den Weg in die Academy, um mir den Regenwald anzusehen. Auf dem Weg dorthin, finde ich Macy´s und sehe mir den Men´s Store an: Ist groß…

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Weiter auf dem Weg liegt Amoebia ein Geschäft für gebrauchte Musikträger: CD´s und Vinyl. Man darf mich nie wieder in so einen Laden lassen. Ich gerate in einen Kaufrausch und verlasse den Laden nach zwei Stunden und 100,- $ ärmer; Krass, dass es soetwas auf dieser Welt gibt, eine Art Paradies 😎

Um 14:00 Uhr bin ich dann endlich im Museum und der Besuch des Regenwaldes dauert geschlagene zwei Stunden. In einer riesigen klimatisierten Kugel schraubt sich eine Rampe um einen zentralen Raum, in dem die unterschiedlichsten Tiere vergesellschaftet sind: Schmetterlinge, Vögel, Schlangen, Frösche, Ameisen, Eidechsen, Fische und bestimmt einiges mehr. Am Weg sind Terrarien aufgestellt, die verschiedenste Tiere und ihre speziellen Eigenschaften zeigen, unter anderem Spinnen, die große Netze bauen.

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Am Ende bleibt mir nur eine Stunde zum Zeichnen.

Nach dem Besuch gehe ich einkaufen und dann fahre ich mit dem Rad zur bart-Station Embarcadero. Ich will mit der U-Bahn nach Oakland rüber. Die Regel sagt, dass während der Rushhour keine Fahrräder in der U-Bahn erlaubt sind, ich sehe jedoch zahlreiche Personen mit Fahrrädern in der Tiefe verschwinden. Ich mache es ihnen einfach nach und gehe unter Tage. Die erste Hürde stellt das Kaufen einer Fahrkarte dar. Eine Tabelle gibt schon mal Auskunft darüber, wieviel die Fahrt nach Fruitvale kostet. Doch ich finde im Menü einfach keinen Hinweis auf die gewünschte Haltestelle, so dass ich mich hilfesuchend an den Herren hinter mich wende. Der erledigt meine Aufgabenstllung sofort: Zuerst Geld in den Automaten, und dann den gewünschen Betrag eingeben und schon kommt eine dünne Plastikkarte mit einem Werbeaufdruck der Antisuizidhotline und das Wechselgeld aus dem Automaten. Das mit dem Wechselgeld ist dann so eine Sache, da niemand seine Quittung aus dem Rückgabeschacht nimmt, verschwinden meine vielen Quaters in dem Papierhaufen und unter amüsiertem Gekicher der Menschen in der Schlange suche ich die Münzen heraus, es ist üblich, erfahre ich später, passend zu zahlen.

Wie bekommt man ein Fahrrad durch die Absperrung, wenn es nicht dafür gedacht ist: Fahrrad schultern und darüber hinweghiefen, so wie es die anderen machen. In der U-Bahn lerne ich Rachel und Nicky kennen, die mir von einer Hausbootkolonie erzählen, die gerade aufgelöst wurde, indem die Preise für die Liegeplätze von den Eigentümern einfach mal vervielfacht wurden, damit die neuen Mieter Luxushausboote dort ablagern können: wieder eine Künstlerkolonie weniger in dieser Stadt.

An den Ampeln wieder die Boxenstoppmentalität und ich lasse mich mitreißen, Rennen zu fahren. Viel zu spät bekomme ich mit, dass ich in dieser Raserei meine Abfahrt verpasst habe, nun muss ich einen Kilometer zurück fahren, um auf den rechten Weg zu kommen.

Ich besuche Gesine auf ihrem Hausboot. Ich hätte gern bei ihr gewohnt in dieser Zeit, aber ihre Mutter aus Kiel ist zu Besuch und für drei reicht der Platz nicht. Ich koche eine Tomatensoße auf und Spirellis. Gesine ist viel beschäftigt, hat hier in den Staaten Psychologie studiert und arbeitet nun in einer eigenen Praxis. Sie kümmert sich um viele Menschen mit wenig Einkommen, so dass das Geld nicht so reichhaltig fließt und das Hausboot eine günstige und doch stilvolle Unterkunft darstellt. Sie arbeitet viel: Kommt später von der Arbeit als angekündigt und muss dann noch mal für fünfzig Minuten ins Auto, um telefonisch ein Krisengespräch mit einer Patientin zu führen, das dann doch über eine Stunde dauert. Sie hat Sehnsucht nach Schleswig-Holstein, was ich gut verstehen kann, würde gerne zurück, möchte sich aber auch die Möglichkeit offen halten, wieder nach Amerika zu können, weshalb sie auf die Anerkennung ihrer amerikanischen Staatsangehörigkeit wartet, bis sie dieses Land wieder verlässt.

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Warum ist es schön, in Schleswig-Holstein zu wohnen, will sie wissen. Ich weiß nur, dass die Schleswig-Holsteiner von allen Bundesbürgern die zufriedensten sind und ich bin zufrieden dort, kann mir nicht vorstellen woanders zu leben. Ich mag die Landschaft, die die Seele der Menschen dort wiederspiegelt: Sanft geschwungen, nicht zum Extremen neigend, wehrhaft gegen äußere Einflüsse, einfach, ohne viele Schnörkel. In Schleswig-Holstein musst du im Wind stehen können und dann redest du am besten nicht so viel; ist zu anstrengend.

Wenn ich auf Toilette will, muss ich an Land ins Sanitärhäuschen an den Obdachlosen vorbei, die einen misstrauisch beäugen, aber ich schaue auch misstrauisch. Gesine scheint sie gar nicht mehr wahrzunehmen, muss sich auch keinen Kopf machen, sie hat ja einen schwarzen Gürtel und Taek Won Do.

In Oakland fahre ich zur U-Bahn durch eine Art Industriegebiet, das ziemlich heruntergekommen wirkt, viele dunkle Ecken, in denen Menschen in Decken gehüllt sitzen, die Verlierer der Mietsteigerungen. Am Bahnhof bleibt mein Fahrrad im Drehkreuz hängen, der Obdachlose auf der Bank fängt an, herzlich zu lachen, bei meinen ungelenken Bemühungen das Hinterrad aus der Gefangenschaft zu befreien, am Ende kann auch ich mich nicht mehr halten und wir lachen zusammen.

9 Replies to “2. Tag San Francisco”

  1. Werner Jürs

    Hallo Schleswig Holsteiner!
    War der Kaufrausch vielleicht eine unbewusste Belohnung? Die hast du dir auf alle fälle verdient.
    So ein Fahrradrennen kenne ich hier auch. Nur hier geht es nicht darum wer der schnellste ist, sondern um die grüne Ampel zu schaffen. Und es sind nicht so viele Leute.
    Hattest du denn Hilfe bei der Fahrradbefreiung aus dem Drehkreuz?
    Nun sehen wir uns ja bald wieder. Freue mich schon ganz Doll. Bis bald. Noch einmal ganz viele liebe Grüße. Mutti + Vati

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  2. Werner Jürs

    Viel Spaß beim Tanz in den Mai, mit anschließendem Flug in den Mai !! allerdings nicht mit Käfer, der ist im Reisegepäck verstaut, bis Hennstedt !!!!
    Gruß V.

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  3. Theresia Potthoff

    Hallo Thomas, auch aus Darfeld kommen Wünsche für einen guten Flug. Deine täglichen Berichte werden mir fehlen. Habe sie mit großer Begeisterung gelesen. Bis bald und eine gute Heimkehr. LG Theresia

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  4. Werner Jürs

    Hallo Thomas!
    Ein letztes mal, und dann beim Wiedersehen.

    Worte von dir oder Werner geschrieben.
    Leuchtende Tage,
    nicht weinen, dass sie vergangen,
    lächeln, dass sie gewesen,
    denn du hast sie gelebt

    Gruß Mutti

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  5. Waltraud

    Lieber Thomas,

    danke für Deine Berichte und Eindrücke, die Du uns fast täglich geliefert hast!! Ich hatte teilweise den Eindruck in deiner Satteltasche zu stecken und life dabei zu sein. Kaum zu glauben, dass Du schon fast auf dem Rückweg bist. Ich habe großen Respekt vor Deiner Leistung.
    Guten Heimflug und ich freue mich auf ein baldiges Wiedersehen
    @ Mutti und Vati: Jetzt habt bald euren Sohn zurück. Eure Kommentare habe ich sehr gerne gelesen und war immer sehr beeindruckt, wie ihr Eurem Sohn auf den Fersen gewesen seid.

    Liebe Grüße Waltraud

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  6. Christine

    hm, jetzt falle ich als Mitleser sogar in das „Angekommen-Loch“, obwohl es ja nicht meins ist… kannst Du nicht noch ein paar Monate weiterfahren und -berichten?

    😉

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