Carpenteria – Lompoc

Gerhardts Großvater kommt aus Deutschland und sein Vater wurde hier in den USA geboren. Nichts desto trotz war der Vater ein fanatischer Deutschlandfan, sodass Gerhardt Deutsch lernen musste und nach Deutschland zu Verwandten zum Studieren geschickt wurde. So wurde er Maschinenbauingenieur. Zu seinem Haushalt gehören zwei Hunde, von denen der eine draußen in einem Zwinger solange vor sich hinbellt, bis Gerhardt nach Hause kommt und der ins Haus darf, wenn er da ist. Drei Papageien und zwei Katzen gibt es auch noch. Die Papageien, habe er bekommen, weil sie sich die Federn ausreißen, was der vorherige Besitzer blöd fand. Bei ihm haben sie bis auf einen damit aufgehört, eine große Zimmervoliere mit viel Spielzeug, Gemeinschaftshaltung und Kunststücke beibringen ist das Geheimnis gegen Langeweile, meint er.

Er nimmt mich mit auf eine ´House-warming-party´. Kim hat sich ein Mobilehome gekauft. Das sei das einzige, was sie sich hier als Lehrerin leisten könne. 280.000,- $ hat es gekostet, was deutlich mehr als die 40.000,- $ Herstellungskosten ist, die Lage macht’s. Nur sagenhafte 650,- $ Grundsteuern im Jahr fallen an. Vor dem Gesetz gelten die Mobilehomes als Wohnwagen und so fällt auch nur die Wohnwagensteuer an. Mit einem Wohnwagen hat das allerdings wenig zu tun, es ist ein vollwertiges Haus. Um das Haus herum hat Kim etwa zwei Meter Garten, die mit Rasen und erlesenen Pflanzen bestückt sind, genau wie die Nachbarparkplätze, die es laut Gesetz sind. Alle Häuser sind frisch gestrichen, leuchten und wirken sehr gepflegt. Im Inneren ist alles neu, die Wände gestrichen, die Fenster hat sie noch austauschen lassen, der Fußboden ist mit Echtholzparkett ausgelegt. In der Küche stehen Töpfe von LeCreuset und das volle KitchenAid-Sortiment.

Als die Gäste mitbekommen, dass ich mit dem Fahrrad durch die ganzen Staaten gefahren bin, stehe ich schnell im Mittelpunkt. Welche Vorurteile haben sich denn bewahrheitet: Das mit den Waffen und die Krankenversicherung. Das mit dem schlechten Essen stimme aber nicht, nur ist gutes Essen hier viel teurer als in Deutschland. Und als das Gespräch auf’s Brot kommt, muss ich noch mein Botrezept aufschreiben. Am Ende gibt es noch ein Selfiefoto der gesamten Gruppe und dann fahren wir zurück zu Gerhardt.

Er sucht in seiner Werkstatt einen Helm und schenkt ihn mir. Meinen hatte ich in 29 Palms liegen gelassen, was auf der Party zur Sprache gekommen war.

Wenn ich auf den Straßen Patronenhülsen finde, dann habe ich in New Mexico damit angefangen, sie einzusammeln. Auf meinem Weg zu Gerhardt habe ich eine gefunden und er erkennt sofort, dass es eine 45 mm … Hülse  (?) ist. Es sei ein sehr gutes Kaliber, weil man nur einen Treffer braucht, um ´den Feind zu Boden zu bringen´. Jetzt nach der Party fängt er eine Diskussion an. Es scheint ihm eine Herzensangelegenheit zu sein, dass ich verstehe, warum so viele Amerikaner Waffen haben und dass das nichts Schlimmes sei. Er habe das Gegängel der Regierung satt, alles werde reguliert und die Freiheit beschränkt. Es passieren nur so viel Unfälle, weil falsch mit den Waffen umgegangen werde. Er selbst habe Personenschützer und Polizisten im Umgang mit Waffen trainiert. Er erzählt, welche Fehler man machen kann und wie schwer es sei, in den USA eine Waffe zu kaufen. Es reiche alleine einmal mit Canabis erwischt worden zu sein, um keine Waffe mehr besitzen zu dürfen, das sei doch verrückt. Alles sei total überreguliert und total sicher. Er selber habe in seiner Zeit als Student in Deutschland Waffen besessen und ohne Probleme kaufen können. Auf nachfragen gibt er allerdings zu, dass dies nicht auf legalem Wege geschehen sei und dann kommt er auf die Flüchtlingskrise: Dass die Flüchtlinge nach Europa strömen sei verheerend. Die meisten dieser Menschen seien seiner Meinung nach gar keine Syrer sondern aus anderen Staaten und wollten in Deutschland nur arbeiten. Wir würden viel zu lax mit denen umgehen und keine gründlichen Personenkontrollen durchführen, so dass jede Menge Attentäter der ISIS und Al Kaida nach Europa kämen um in Paris und Brüssel Chaos zu verursachen

Mir schwirrt der Kopf und erst heute fällt mir auf, dass er sich selber widerspricht.

Er will um sieben aufstehen und um 8:30 Uhr das Haus verlassen. Als ich um 7:30 Uhr mein tägliches Frühstücksmüsli zubereite, steht plötzlich Moreen von der gestrigen Party neben mir. Sie scheint sich in dieser Küche auszukennen, ist nicht mit Gerhardt zusammen hat hier nur übernachtet und muss jetzt nach Hause, damit sie rechtzeitig zur Arbeit kommt.

Ich schwinge mich um 8:30 Uhr aufs Fahrrad und schreibe Gerhardt zum Abschied eine SMS, die er um 11:00 Uhr beantwortet, wo ich denn sein würde. Ich habe da schon Santa Barbara durchquert und genieße bei Rückenwind die meiste Zeit den Blick über den Pazifik.

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Nach sechzig Kilometern muss ich wieder auf die Autobahn (101) und weitere 20 Kilometer später führt die Straße ins Inland von der Küste weg in die ´Berge´. Nach ein paar Wegbiegungen stehe ich vor einem Tunnel. Große Schilder weisen die Autofahrer darauf hin, dass, wenn die Blinklichter an den Schildern an sind, ein Radfahrer im Tunnel ist, die Radfahrer werden ihrerseits dazu aufgefordert, einen Knopf zu drücken, damit die Blinklichter angeschaltet werden. Ich bin skeptisch, drücke auf den Schalter und fahre in den Tunnel; ohne Seitenstreifen in einer Kurve. Mir ist nicht wohl hier. Ich trete ordentlich in die Pedalen und der Angstschweiß mischt sich mit dem Schweiß, der von Hitze und körperlicher Anstrengung herrührt.

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Es geht zunächst moderat bergauf und dann überwinde ich plötzlich 250 Höhenmeter auf 2, 5 Kilometern in dieser Bruthitze, die hier in diesem Talkessel herrscht. Oben angekommen brauche ich einen weiteren Liter Wasser. Währed ich diesen trinke, kommt Arun die andere Seite hochgekraxelt. Er macht diesen Weg von San Francisco nach LA mehrfach im Jahr. Immer, wenn er entsprechend Zeit hat. Sein Vater war ein fanatischer Anhänger der Deutschen, so musste er jeden deutschen Film sehen, dessen sein Vater habhaft werden konnte und deutsch lernen, was er dann auch gleich unter Beweis zu stellen versucht. Deutsch mit Englisch-Indischem Akzent. Wir verstehen uns prächtig und tauschen Daten aus.

Den Rest des Weges geht es sachte bergab.

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3 Replies to “Carpenteria – Lompoc”

  1. Wolfgang

    noch ca 310 Meilen! unglaublich! und du sammelst Stahl und Messing – sind wir im Krieg? Vielleicht… Das das ggfls Übergepäck werden kann, ist Dir klar? ??

    So ein Tunnelblick ist doch ne tolle Sache, oder? Hast du denn die Lightshow auch anbekommen? Disco-Feeling! Say Sunshine!

    Das geht nur in Kalifornien… Bon Voyage!

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  2. Werner Jürs

    Hallo Thomas!
    Schade das unsereins nicht durch den Tunnel fahren kann.
    Die Patronen werden schon im Kopf als Kunst verarbeitet?
    Im Gebirge, wenn es die gleiche Strecke ist die ich genommen habe, muss es wunderschön gewesen sein.
    Ich hole jetzt Lilly. Bis bald. VLGM
    m.H.n. (mit Heute noch) 13 Tage! v.l.G. V.

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