Las Vegas (NM) – Santa Fe

Gestern hat mich die Schwermut dahin gerafft:

Heimweh kennt keine Bilder, weil man an einem Ort gefangen ist, an dem man nicht ist. Man ist an einem Ort, in dem man nichts sehen kann, da man nicht dort ist. So ist man an keinem Ort. Man kann nicht sein, wo man ist, weil der Kopf ganz woanders ist. Man kann nicht dort sein, wo die Gedanken sind, weil der Körper ganz woanders ist.

So wird das Auge blind für die Dinge um Einen herum, weil die Gedanken, die das Gesehene bewerten, etwas suchen, was nicht da ist. Und entdecken sie doch etwas durch das Auge, was einen an den anderen Ort erinnert, so erkennen die Gedanken doch, dass es nicht das ist, was man will. Und die Folge ist Schwermut.

Ein dunkles Tuch das sich über alles legt, weil man auch gar nichts mehr sehen möchte, weil es ja doch nicht das ist, was man sehen will. So starrt man lieber auf die weiße Wand, als auf das Andere.

Die Welt ist ständig im Wandel begriffen, verändert sich immerfort. Das, wo man zu Hause ist, ist eine Welt, die sich größtenteils aus Gewohnheiten zusammensetzt. Mit diesen Gewohnheiten kann man sich anfreunden und gut zurechtkommen. Wer das nicht tut, flüchtet. Reisen kann die Suche nach neuen Gewohnheiten sein oder die Flucht vor denen zu Hause.

Ich flüchte nicht, ich sehne mich gerade nach ein paar Tagen in den Gewohnheiten, die dem Geist und dem Körper Ruhe spenden können. In dem täglich auf mich einprasselnden Neuen habe ich ein wenig verloren, was auf dieser Reise eigentlich wichtig ist.

Ich bin in erster Linie hier, um dieses Land kennenzulernen und nicht, um eine sportliche Höchstleistung zu vollbringen. In den letzten zwei Wochen lief das Radfahren so eindrucksvoll unkompliziert, dass er sich den ersten Rang mit dem Kennenlernen geteilt hat und so fiel es mir schwer, wieder davon Abstand zu nehmen. Am Ende siegte aber die Einsicht, dass ich, wenn ich so kaputt bin, keine Menschen mehr kennenlernen kann.

Ich entkomme dem Heimweh, indem ich mit Jason zum Zeichnen gehe. Wir gehen zunächst in die Fakultät für Naturwissenschaften und finden dort in einem Labor Schädelabgüssen von prähistorischen Tieren. Eine kurze Frage später erhalten wir die Erlaubnis, im Labor zu zeichnen. Die Fokussierung auf einen Gegenstand tut mir gut. Zurück bei Jason koche ich ihm Spaghetti mit Gemüsesauce. Er ist direkt aus dem Häuschen und ich realisiere, dass er sich solch ein Essen normalerweise nicht leisten kann. Ich bewundere ihn für seine Bescheidenheit und Energie, sich trotz aller Widrigkeiten aufzuraffen und eine Ausbildung zu erkämpfen. Ich weiß nicht, ob ich nicht an seiner Stelle in eine Fabrik gegangen wäre und einfach Geld verdient hätte. Wie viele Menschen mit tollen Fähigkeiten gehen einen solchen Weg in den USA?

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Abends nimmt er mich dann mit zum Aktzeichenkurs an der Uni. Ich brauche etwas bis ich merke, dass ich hier kein Student bin. Ich bin nicht zufrieden mit meiner Zeichnung, aber alle loben mich. Der Dozent selber zeichnet auch mit und ich merke, wie vorsichtig hier Jeder mit Kritik ist. Ich bin da einfach Deutsch: Wenn etwas nicht richtig ist, dann sollte es ein Forum geben, in dem man dies ungestraft sagen kann. Und eine Lehrveranstaltung ist meiner Meinung nach ein solches Forum.

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Wenn es nicht grün genug ist: Einfach Kunstrasen in den Park.

Heute bin ich um 6:00 Uhr mit dem Bus von Las Vegas (NM) nach Santa Fe gefahren. Die Buslinie ist hoch subventioniert. Für DREI Dollar werden ich und mein Fahrrad 100 Kilometer die Berge hoch und runter gekurvt. Der Busfahrer fragt an jeder Haltestelle, ob die Temperatur in Ordnung ist und ob das Licht an oder aus sein soll. Ich überlege, dass eine Busgesellschaft in Deutschland bestimmt eine Umfrage unter den Kunden gemacht hätte, um herauszufinden, wann die Mehrheit der Kunden das Licht anhaben will und wie hoch die Temperatur sein soll, um dann alles automatisch regeln zu lassen: Keine fehlerhafte Kommunikation zwischen Kunden und Dienstleister. Die aufgehende Sonne offenbart eine richtige Gebirgslandschaft und ich bin versöhnt damit, den Bus genommen zu haben.

Neben mir im Bus sitzt Charleen, sie arbeitet in Las Vegas (NM) an der Highschool und das wird dann auch unser Thema. Ich muss an den Mitarbeiter des Fahrradladens in Little Rock denken, der postulierte, dass nur bezahlte Bildung hochwertige Bildung hervorbringen kann. Schon seit Tagen spukt mir im Kopf herum, dass das nicht stimmt. Das Gegenteil ist der Fall. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und will mit möglichst wenig Einsatz den größtmöglichen Nutzen erzielen. Wer in Deutschland eine Ausbildung oder ein Studium ergreifen möchte, muss sich in den Wettbewerb mit Anderen begeben, um einen Ausbildungs- / Studienplatz zu bekommen. Und nur die, die am geeignetsten erscheinen, werden diesen Platz bekommen. In der Folge hat er mit unabhängigen Lehrern zu tun, die diese Eignung in Frage stellen können, was den Lernenden dazu nötigt, sich entweder auf seine natürlichen Ressourcen oder auf seinen Fleiß zu verlassen. Am Ende jedenfalls kann man davon ausgehen, dass der Schüler eine Note entsprechend seinem Können erhält.

In den USA kann grundsätzlich Jeder das lernen, was er will. Wer kein Geld hat, kann sich mit guten Abschlussnoten um eines der vielen Stipendien bewerben. Wer Geld hat, kann sich die Bildung einfach erkaufen. Mit dem entsprechendem Kleingeld steht einem jeder Beruf offen. Und hier liegt der Hase im Pfeffer: Gerade für kleine, weniger beliebte Universitäten, sind die Studenten, die für ihre Ausbildung bezahlen, eine wichtige Einnahmequelle, so dass die Lehrer in der Regel nicht unabhängig sind. Gestern habe ich erfahren, dass der Lehrer für Aktzeichnen nur weiter beschäftigt wird, wenn die Studenten mit ihm zufrieden sind. Was wird er tun, damit seine Schüler mit ihm zufrieden sind? Er wird ihnen eine gute Note geben.

An den Highschools ist das System noch perfider: Die Highschools werden vom Staat bezahlt und die Zuwendung an Geldmitteln geschieht über die Höhe der erfolgreichen Absolventen. Anders gesagt: Je mehr Schüler den Highschoolabschluss machen, desto mehr Geld bekommt die Schule vom Staat. Das bedeutet, die Guten werden immer besser und die Schlechten können nicht besser werden. Oder man lässt Schülern einen Abschluss zukommen, den sie eigentlich nicht verdient haben.

Wenn ein Schüler mit reichen Eltern nicht die geforderten Leistungen bringt, dann ist die Reaktion eher, dass der Lehrer nicht genug gelehrt hat und die Leistungen eines Schülers stehen meist im direkten Zusammenhang zu den Spenden der Eltern an die Schule. Mag man nicht sagen, aber hinter vorgehaltener Hand…

Charleen lebt etwa 500 Meter von der Hauptwasserleitung entfernt. Die Wasserleitung führt durch einen Fluss und an dieser Stelle, ist die Wasserleitung letztes Jahr eingerissen. Der Fluss hat Wasser im Wert von 26.000,- $ mit sich geführt, bevor dies entdeckt wurde. Eine Reparatur blieb erfolglos und so hat sie sich dafür entschieden, einen eigenen Brunnen zu setzen. Gestern hat sie die Nachricht bekommen, dass bei 150 Metern noch kein Wasser vorhanden ist und die Brunnenbauer davon ausgehen, dass dies erst bei etwa 300 Metern der Fall sein wird: Geschätzte Kosten 24.000,- $. Autsch, wir sind halt in der Wüste. Sie meinte daraufhin: „Ich mache jetzt einen Ausflug nach Santa Fe und werde darüber nachdenken!“ Soviel ich weiß, endet bei uns das öffentliche Wassernetz am Absperrhahn im Haus, da bin ich dann mal auch sehr froh drum.

Ich merke schon, dass ich nicht mehr im Mittleren Westen bin: Die Menschen kleiden sich stilvoller, Pickups sind nicht mehr die Mehrheit der Autos und neben den praktischen Aspekten einer Sache stehen auch die ästhetischen wieder im Vordergrund. Den Stetson sehe ich kaum noch und alles wirkt etwas gediegener. Die Häuser werden hier vermehrt aus Stein gebaut, was gleich viel stabiler und wertvoller aussieht. Die Menschen wirken nicht, wie an der Ostküste, auf eine kontinentale Art und Weise freundlich, sondern auf eine Hippy-Art-und-Weise, genauer kann ich dass noch nicht sagen, wird sich hoffentlich mit der Zeit hoffentlich besser beschreiben lassen.

Santa Fe ist von der Architektur schon etwas besonderes. Es ist die Stadt mit der höchsten Künstlerddichte in den USA. Schon nach dem Krieg haben die Stadtväter eine Bauverordnung erlassen, die einen bestimmten Stil vorschreiben und so habe ich das Gefühl im alten Mexiko gelandet zu sein.

Ich liefere noch Fotos nach.

5 Replies to “Las Vegas (NM) – Santa Fe”

  1. Jürgen Potthoff-Jürs

    Ich finde besonders den Anfang sehr gelungen! Ich wünsche dir, dass du weiterhin so viele tolle Dinge erlebst und diese vielen positiven Aspekte im Vordergrund stehen. Ich freue mich immer mit dir, wenn es so gut läuft. Mach weiter so!

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  2. hanne hartung

    Hallo Thomas!
    Der Anfang hört sich nach Krise an aber Du hast recht.wir erwarten keine sportlichen Höchstleistungen
    von dir.Das was Du bist jetzt gebracht hast,würde ich ,vielleicht auch die anderen Leser,nicht bringen.
    Denk an all die netten Menschen,die dir über den Weg gelaufen sind und an den eigentlichen Grund
    deiner Tour ,an die Kinder und den guten Zweck wo für Du dich abstrampelst.Ich glaube bei all den
    Eindrücken ist das in den Hintergrund gerückt.Kopf hoch !
    Du schaffst das,
    L.G.helmut und hanne

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  3. Theresia Potthoff

    Lieber Thomas,
    ich kann Hanne nur beipflichten, wir würden diese Leistung
    nicht vollbringen. Weiterhin gutes Gelingen, viele nette Menschen und schöne Erlebnisse auf Deiner Tour. Viele liebe Grüße von uns allen Theresia.

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  4. Werner Jürs

    Hallo Thomas, Sohnemann!
    Ja die Pampa hat es in sich. Die Gedanken fangen an zu kreisen und suchen einen Weg. Und dann kommt noch einer, der einen nicht vorne einsteigen lässt. Thomas, ich glaube der hat Schiss gehabt.
    Mit Jason war eine tolle Abwechslung, die anfing, dich wieder auf zu bauen und dein Heimweh in den Hintergrund schiebt. Und dass du in eine Fabrik gehst, um zu verdienen, glaubst du, wenn du wieder fit bist, doch selber nicht. Du hättest einen anderen Weg, was bei uns möglich ist, gesucht und gefunden.
    Wie man sieht, sind deine Lebensgeister schon wieder aktiv. Du setzt dich mit dem Erlebten und neuen Eindrücken auseinander.
    Pass auf, die Leute werden jetzt, wo es wieder grüner wird, aufgeschlossener und bereiter zu kommunizieren.
    Setz dich nicht unter Druck, und fahre ruhig stupide Strecken teilweise mit dem Bus. Wird jeder Verständnis für haben. Und wenn nicht, soll der erst einmal das leisten wo du uns ganz toll dran teilhaben lässt.
    Kopf hoch, schau nach vorn, jetzt kommen neue Leute.
    Konnte es nicht kürzer fassen. Viele liebe Grüße M

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  5. Werner Jürs

    Hallo Thomas!
    Wie du Eingangs schon geschrieben hast,
    „Man kann nicht sein, wo man ist, weil der Kopf ganz woanders ist. Man kann nicht dort sein, wo die Gedanken sind“
    Ich finde gut, dass du Heimweh hast, das ist ganz natürlich, denn wer kein Heimweh hat, hat kein zu Hause, und du hast ein Zuhause!
    Da du ja keine 300 Meter nach Wasser bohren musst, hast du ja hoffentlich jetzt Zeit dich in Santa Fe in Ruhe die Architektur und Künstlerdichte zu verinnerlichen.
    v.l.G.-V
    M. sagt noch, du sollst dir Schokolade kaufen!

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