Shawnee – Oklahoma City

Oh Mann, hoffentlich kriege ich dass alles zusammen, was seit gestern passiert ist. Shawnee hat mich mit offenen Armen empfangen und ich habe unendlich viel Geschichten zu hören bekommen.

In Oklahoma haben Indianer einen besonderen Status. Vor einigen Dekaden haben sie vor dem obersten Gerichtshof erstritten, dass sie irgendwie zwar Amerikaner sind, aber irgendwie auch nicht, da man ihnen ja das ganze Land weggenommen hat. So wie ich das verstanden habe, wurde der Argumentation, dass es sich dabei um Diebstahl gehandelt hat, zugestimmt. Um den sozialen Frieden aufrecht zu erhalten, hat man ihnen aber das Land nicht zurückgegeben. Als Gegenleistung brauchen sie dafür aber keine Steuern zahlen, da sie ja irgendwie keine richtigen Amerikaner sind, obwohl sie als Staatsbürger auch wählen gehen dürfen. Diese Regelung hat dazu geführt, dass in Oklahoma die Indianer sehr reich geworden sind.

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Abends beim Treffen der ´Visionaries´ im Museum der katholischen Universität führt mich Mark durch das kleine Museum, das aus jeder Epoche der Kunstgeschichte ein paar kleine, aber wohl ausgesuchte Exponate besitzt. Unter anderem sind in einer Ecke kunsthandwerkliche Antiquitäten der Pottawatomi, einem Indianerstamm der Gegend, ausgestellt. Noch während ich Mark erkläre, dass mir bereits viele Leute im Vorwege erklärt haben, dass ich hier viele Indianer treffen würde und ich noch keinen einzigen gesehen hätte, beginnt er zu grinsen. Er hebt die Hand und meint, er sei Indianer. „Du siehst aber nicht aus wie einer“, entgegne ich, und er sitmmt dem zu, die meisten Indianer würden dem Stereotyp nicht entsprechen.

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Später erfahre ich, dass er Besitzer eines Waffengeschäftes ist und dass sein Cousin vor zwei Jahren der katholischen Universität aus der Klemme geholfen hat. Die war nämlich von den Mönchen, die das College geführt haben, finanziell an den Abgrund geführt worden. Traditionell stehen die Indianer der katholischen Kirche sehr nahe. Als diese nämlich Mitte des 19. Jahrhunderts hier auf der Bildfläche erschienen, hatten sie bei den Indianern großen Erfolg im Missionieren. Die Indianer gaben daraufhin ihre Kinder bei den Priestern in die Schule. 5 millionen Dollar soll er gestiftet haben; jedoch nicht ohne Gegenleistung: Die Mönche mussten die Geschäftsführung abgeben.

Hier gilt das aktholische College als freigeistige Institution. Zur Einführung der Homoehe in den USA gab es am Babtistencollege eine Kundgebung der Studenten für die neue Gesetzgebung, die von der Leitung der Universität jedoch unterbunden wurde. Von den Studenten des Babtistencollege wird täglicher Kirchgang und Bibelstudium erwartet und kontrolliert. Wer dem nicht nachkommt, … So ganz habe ich das System der möglichen Repressalien nicht verstanden, aber es scheint zu existieren. Ich ging bis gestern davon aus, dass diese kirchlichen Colleges die Ausbildung zu einem deutlich günstigeren Preis anbieten (Im Austausch zur Seele), was sich jedoch als Trugschluss erweist. Die Ausbildung ist teurer, als an staatlichen Colleges und qualitativ wohl auch deutlich darüber anzusiedeln. Da werde ich doch noch mal richtig sauer: Ich darf an diesen Laden also viel Geld bezahlen und nicht erwarten, meine eigene Meinung äußern zu dürfen. In den USA kann man sich mit Geld eine gute Ausbildung kaufen, das macht den Reiz dieser Anstalten aus.

Ich erfahre später von einer Lesbe, dass sie hier mit ihrer sexuellen Orientierung nicht hausieren geht und sie ist seit zwei Jahren mit ihrer Frau verheiratet. Sie berichtet, wenn die Presse einen konservativen Republikaner vor die Linse bekommen möchte, dann kommen die nach Oklahoma. Wo bin ich da gelandet!?

Ein weiteres Wespennest, in das man hier stoßen kann, ist die Beziehung von Indianern und konservativen Republikanern. In den Nachbarcounties haben andere Indianerstämme positiv auf sich aufmerksam gemacht, weil sie den Bürgermeister in einigen Städten stellen. Diese Städte haben sich daraufhin prächtig entwickelt. Nun hat sich in Shawnee erstmals ein Indianer gefunden, der als Bürgermeister kandidiert: Marks Cousin. Bisher gab es scheinbar eine Rollenaufteilung: Es gab die Leute, die wirtschaftlich nicht erfolgreich waren, aber bestimmen durften und auf der anderen Seite die reichen, die aber nicht mitbestimmen durften.

Im Fernsehen laufen die Debatten zu den Primaries. Demokraten und Republikaner bestimmen, wer am Ende gegeneinander antritt und Präsident wird. Bernie Sanders ist im eigentlichen Sinne ein unabhängiger Kandidat, um das Pocedere zu vereinfachen, ist er den Demokranen beigetreten. Bernie und Hillary haben sich nichts geschenkt und hart miteinander diskutiert. Bernie ist ein kluger Kopf, der Probleme bis an ihre Wurzel analysieren kann und dies in einigermaßen verständlichen Sätzen programmatisch vermitteln kann. Leider bleibt er dabei häufig realistische und umsetzbare Veränderungsvorschläge schuldig. In Vermont hat er aber eine beeindruckende Erfolgsgeschichte hingelegt, so dass man ihn nicht einfach als illusionären Spinner abtun sollte. Hillary ist da viel pragmatischer, sie wird die USA nicht von Grund auf erneuern, aber sie wird in vielen, kleinen, ohne große Probleme durchsetzbaren Schritten, die von Obama angefangenen Reformen weiter fortführen. Für mehr, glaube ich, gibt es in den USA im Moment keinen Rückhalt. Das Land ist zwar etwas weniger zerrissen als noch zu Beginn von Obamas Amtszeit aber der Erfolg Donald Trumps, der vor allem von den Verlierern der letzten Jahre unterstützt wird, zeigt, dass es in diesem Land immer noch sehr wackelt.

Die Debatte der Republikaner läßt sch schnell zusammenfassen, da alle Kandidaten bis auf John Kasich keine Inhalte geliefert haben. Kasich ist aber kein guter Redner, wirkt blass gegenüber den restlichen Kandidaten. Marco Rubio erzählte die ganze Zeit nur Anekdoten aus seinem Familenleben, die verdeutlichen sollen, wie stolz er darauf ist, Amerikaner zu sein. Ted Cruz hat nur die Nachricht rüber gebracht, days er Hillary Clinton schlagen kann und Donald Trump hat seine Strategie ein wenig geändert. Er versucht nun die Truppen der Republikaner hinter sich zu vereinen. Trump ist ein genialer Entertainer und die Änderung seiner Strategie zeigt, dass er die Realität nicht ganz außer acht läßt. Er ist ein großer Nazist und er will gewinnen.

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Barbara und Laurence leben in einem sogenannten Envelopehouse. Sie haben über Freunde von diesem Haustyp erfahren. Ein Architekt wollte ihnen die Pläne für 8.000,-$ verkaufen. Am Lake Tahoe in Kalifornien haben sie aber ein Haus besichtigen können und der Besitzer hat ihnen in eineinhalb Stunden das Prinzip so eindrücklich vor Augen geführt, dass sie es Zuhause in Shawnee ohne Probleme nachbauen konnten. Allerdings haben sie wegen der Baubestimmungen innerorts auf ein Grundstück außerhalb Shawnees zurückgreifen müssen. Das Haus besitzt auf der Südseite einen Wintergarten, der im Sommer von hohen Bäumen beschattet wird. Unter dem Haus ist ein etwa 120 cm hoher Hohlraum der mit den Hohlräumen in den Wänden und unter dem Dach verbunden ist. Der Wintergarten ist wiederum ebenfalls mit den Hohlräumen verbunden. Anders ausgedrückt, baut man um ein Haus ein  zweites Haus, der Hohlraum auf der Südseite wird zu einem Wintergarten vergrößert. Des weiteren verbaut man im Haus jede Menge Steine, die die Wärme lange halten und im Bedarfsfall auch aufnehmen. Steine sorgen für eine gleichbleibende Temperaturkurve im Haus. Es ist das erste Haus in den USA, das Doppelglasfenster hat.

Die ´Visionaries´ sind ein bunt zusammengewürfelter Haufen von Enthusiasten, die sich die Freude am Leben nicht nehmen lassen wollen. Bisher haben sie immer eine Sylvesterparty organisiert und wollen dieses Jahr aber einen ´Tag der Toten` nach mexikanischem Vorbild veranstalten. Es kommt aber auch die Idee auf, beide Veranstalltungen stattfinden zu lassen. Nach dem kurzen offiziellen Teil steht das gesellige Beisammensein im Vordergrund und ich werde ausgiebig befragt.

Am nächsten Morgen geht es erst mal zum Yoga. Barbara hat, seit der Trainer gekündigt hat, die Leitung übernommen und ihr Programm ist anspruchsvoll. Nach der körperlichen Ertüchtigung geht die versammelte Manschaft in eine international tätige Kaffeehauskette und genießt eine Kaffeköstlichkeit. Dabei werde ich wieder Zeuge, wie viele Menschen Barbara in diesem Ort kennt; sie ist exzellent vernetzt.

Um 10:00 Uhr bin ich mit Rückenwind auf der Straße und mit 395 m über NN erreiche ich heute meinen höchsten Punkt auf der bisherigen Reise. Ich habe heute einfach mal meine Shorts angezogen, was zum Einen seine gute Seite hat, weil ich nicht schwitze, zum Anderen aber einen unangenehmen Sonnenbrand an den Beinen mit sich bringt. Die Sonne scheint bei 21°C unbarmherzig auf mich und meine Sonnenbrille herab.

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Jodie wird mich die nächsten beiden Nächte beherbergen, ihre Hunde haben die Bude voll im Griff. Sie will mir heute unbedingt das Mahnmal für den Terroranschlag, der 1995 in Oklahoma City stattfand, zeigen. Ich bin gespannt, die Amerikaner haben ja ein Händchen für große Gefühle.

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Risse in regelmäßigen Abständen entstehen, wenn man über die alte Betonfahrbahn Asphalt verlegt.

4 Replies to “Shawnee – Oklahoma City”

  1. Werner Jürs

    Hallo Thomas!
    Da hast du ja vieles wieder aufnehmen müssen. Deine Berichte druckt V mir aus, und ich mache mit dem Textmarker Notizen. Warnung vorweg, wenn du wieder hier bist wünsche ich mir einen Nachmittag zum Fragen und diskutieren.
    Dein Bild zeigt mir, das es dir gut geht. LG-M+V

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  2. Jeneane

    Ah, Thomas…du erlebst so viel. Ich bin richtig eifersuchtig, obwohl mit dem Rad habe ich wenig lust herumzureisen hahahah.
    Be safe

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  3. Werner Jürs

    Hallo Tomas!
    Ich hab grad noch im PC gestöbert und bin da auf etwas gestoßen, was auch zu deiner Reise passt: Gruß Vater
    Reisen
    Die Zeit spielte keine Rolle ….Tage gelebt
    Wege führten stetig in die Ferne,
    in die Fremde, ins Neue.
    Nicht Schrecken erzeugte das Neue,
    sondern Sehnsucht und Neugier.
    Jede Wegbiegung mit Aufregung umrundet
    Immer weiter weg von Zuhause
    Immer mehr Freiheit gespüren
    Doch alle Wege führen im Kreis
    Und eines Tages kommt der Heimweg
    Und die Sehnsucht

    Thomas Jürs

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