Lonoke – Little Rock

Über den Besitzer des Motels:
Er kommt mit dem Wifi nicht zurecht, was mich dann am Ende doch etwas nervt. Sein Router produziert über das ganze Motel fünf Zugänge mit exzellenter Netzabdeckung. Ausgerechnet das offene Wifi ist ein Wifi für AT&T-Kunden, die sich über ihre Kundendaten einen Zugang sichern können. Die anderen Zugänge per Passwort geschützt. Mein Versuch, ein Passwort zu bekommen, scheitert. Alle meine Fragen kommen irgendwie nicht bei meinem Gegnüber an. Am Ende glaube ich, er versteht das ganze System nicht. In Amerika ist es so, dass die Netzanbieter Router zur Verfügung stellen, die neben dem Netzwerk für den Besitzer ein offenes Netzwerk für die Kunden des Netzanbieters zur Verfügung stellen. Der Motelbesitzer hat mit seiner Frau zusammen das Motel vor einem Monat gekauft und er wirkt sehr überfordert, nichts desto trotz ist er sehr nett. Es dauert ein paar Minuten, bis er den Schlüssel zu meinem Zimmer gefunden hat, dazu zerrt er aus dem Hinterzimmer einen Werkzeugwagen hervor, den er auch hinten hätte lassen können…

Die Nacht ist unruhig, um 2:15 Uhr geht ein Gewitter der besonderen Güte los. Es blitzt und donnert anschließend so sehr, dass das gesamte Gebäude so sehr bebt, dass meine leere PET-Flasche auf den Fußboden fällt. Ich bin mir nicht sicher, ob es nicht auch ein Erdbeben gewesen ist, das zufällig zeitgleich mit einem Gewitter über das Motel herfällt. Wie durch ein Wunder bleibt das Motel stehen.

Nach der Nacht bleibe ich länger als geplant im Bett und bin erst um 9:15 Uhr auf der Straße. Nachdem ich gestern 120 Kilometer gerissen habe, bleiben mir heute nur noch 45 Kilometer übrig. Vor Little Rock komme ich an einem Sumpfzypressenwald vorbei, der an den Rändern des Hills Lake steht. Die Bäume erinnern mich an Regenwald und den Bass Pro Shop in Memphis. Ich halte nach Krokodilen Ausschau, bin mir aber sicher, dass es hier keine gibt.

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Dann bleibt mein Handgriff an meiner Hand kleben und er büßt einen Großteil seiner Funktion ein. Die Oberfläche war in Deutschland schon recht mitgenommen und seit etwa einer Woche habe ich ihn am äußeren Rand bis auf die Lenkerstange durchgescheuert. Nun ist der Gelkern an die Oberfläche gekommen und der klebt wie Hulle und hinterlässt deutliche Spuren an den Handballen. In Little Rock brauche ich also einen Fahrradladen.

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Über den Arkansas River führt eine ehemalige Eisenbahnhubbrücke. Auf der anderen Seite kommt mir dann der erste Radreisende dieser Tour entgegen. Wir strahlen uns beide ins Gesicht und kommen ins Gespräch. Stanley Smith ist aus Vermont und hat sich vor zehn Monaten auf den Weg nach San Francisco gemacht. Vermont ist die Heimat von Bernie Sanders und er ist ein glühender Verfechter dieses Mannes. Er würde sich freuen, wenn ich mal zu Besuch nach Vermont kommen würde – aber nicht, wenn Donald Trump President wird, dann werde er die USA verlassen. MIt dieser Meinung ist er nicht alleine. Jeden Tag treffe ich Leute, die das sagen. Ich bin dafür, dass diese Leute dann politisches Asyl in Deutschland bekommen. Donald Trump erreicht die ungebildeten und/oder wütenden Verlierer der Krise. Und davon gibt es sehr viele. Die neuen Jobs sind im unteren Einkommenssegment entstanden und Bildung ist teuer in den USA, wie ich schon so oft hier erzählt habe. Alles hängt davon ab, wieviele dieser eigentlichen Nichtwähler er an die Wahlurnen bewegen kann und inwieweit er sich als Mann der Republikaner ins Rennen bringen kann. Es ist keineswegs unwahrscheinlich, dass er Präsident wird, weil er eine Zielgruppe anspricht, die normalerweise nicht zur Wahl geht und weil noch nicht klar ist, wie einig sich der Rest der Wähler in ihrer Haltung gegenüber Trump ist. Auf jeden Fall, und da sind sich auch alle einig, die ich bis jetzt getroffen habe, sind die Amerikaner politisiert wie noch nie. Dies ist eine Tendenz, die sich über die letzten zwei Wahlen stetig gesteigert hat. Früher habe ich gelernt, „Sprich mit Amerikanern nicht über Politik“, jetzt spricht jeder Amerikaner mich von sich aus auf dieses ehemalige Tabuthema an. Die USA werden europäischer.

Stanley hat von Vermont aus die Nordroute zum Pazifik genommen, ist im Herbst in den Rockys eingeschneit und hat dann den Winter mehr oder weniger im Süden Kaliforniens verbracht. Er bezahlt kein Geld für Unterkünfte, hat sein Zelt dabei und nutzt dieses ausgiebig. Er sei nun in Rente und geschieden: Er sei FREI. Seine Tochter würde sein Haus hüten. Seine Freunde haben immer nur erzählt von einem ´Cross Country Ride´ er habe sich nach der Scheidung auf´s Rad gesetzt und sei losgefahren. Seit einem Jahr auf dem Fahrrad leben, langsam sei es genug. Er fahre jetzt noch bis Saint Louis, von dort aus gebe es eine Bahnverbindung nach Vermont, die wolle er nutzen. Ich bin sein erster Radreisender seit vier Monaten. „Im Winter“, glauben die Amerikaner, „kann man nicht Radfahren“.

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Das ist nicht das Victory-Zeichen sondern das Peace-Zeichen, wie ich jetzt erfuhr.

In Little Rock mache ich `Spokes´ ausfindig, einen Fahrradladen, der doch tatächlich Ersatzteile für meine Fahrradgriffe da hat. Nicht billig. Ich lasse dann auch gleich meine Kette und die Kassette austauschen. Ich hoffe, die hält dann auch für den Rest der Reise, das Salz am Anfang hat der Kette doch ganz schön zugesetzt. Die letzten Tage musste ich jeden Tag neu schmieren, sonst fing sie an zu quietschen: ekelhaftes Geräusch.

8 Replies to “Lonoke – Little Rock”

  1. Wolfgang und Waltraud

    Der Motelfrickel wusste aber sonst, was er tut: 40$ ist ja nicht ohne!! Die Router hier sind inzwischenögblich, zumindest bei der Telekom! WLAN to go ist das Stichwort!

    Der Peacemaker ist ja anscheinend kein Pacemaker, sonst würde er nicht so lange brauchen. Und Salz auf der Kette gäbe es in Big Apple immer noch, sei froh, dass du es inzwischen so schön warm hast!

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  2. Wolfgang

    noch ein Nachtrag zum Bass Pro Shop in Memphis: als ich Namen das erste mal las, dachte ich wirklich, es würde sich um einen riesigen musikalienladen handeln. In der Stadt der Musik… so kann man sich täuschen???

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  3. hanne hartung

    Dein Lenker hätte ich gern gesehen.
    Wie schön das Du einen gleichgesinnten getroffen hast.Leider konntet Ihr kein Käffchen
    trinken. Die 120km hast Du ja wohl sehr gut überstanden,doch schon Hornhaut am Hintern.
    L.G.hanne u helmut

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  4. Werner Jürs

    Nachdem ich das Bad jetzt ganz ausgeräumt habe, Decke wird nachher raus gerissen, will ich dir schnell schreiben. Oben wird jetzt der Boden aufgemacht und auch Trockner aufgestellt.
    Den Sumpfzypressenwald habe ich auch auf der Tour gesehen und zu V gesagt, den fotografiert er bestimmt.
    Hoffentlich kommt der Trump nicht ran. Mit Clinton bin ich auch nicht so glücklich, aber immerhin noch besser wie der Bursche. Sie wird doch mit ihren Mann mauscheln(Vorurteil).
    Toll wenn man einen gleichgesinnten trifft. Hebt bestimmt noch einmal die Stimmung.
    Fährst du auch noch ein Stück auf der Route 66? Haben wir gestern im Fernseher angeguckt. Wenn ja, bin ich gespannt welche Bilder du uns schickst. Ich habe zu V gesagt welche es sein werden.
    Die Nacht muss ja spannend gewesen sein. Ich kann mir nicht vorstellen, das eine Flasche vom Donner umkippen kann.
    Ich wünsche dir ein funktionierendes Wifi, viel schönes Wetter und gute Fahrt. M

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  5. Jürgen Potthoff-Jürs

    Habe heute in der Zeitung gelesen, dass nach dem „Super Tuesday“, an dem Trump deutlich vor seinen Konkurrenten gewinnen konnte, die Google-Suchen nach der Auswanderung um das 100-fache gestiegen sind, besonders nach Kanada (ironischerweise 😉 ). Eine entsprechende kanadische Webseite soll zeitgleich in die Knie gegangen sein.
    Hoffentlich bleibt uns ein Präsident Trump erspart…

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  6. Karsten

    Hallo Thomas,

    da ich selbst auf Reisen war, hatte ich hier ordentlich etwas aufzuholen. Nun bin ich fast etwas enttäuscht das kein „next“ Button angezeigt wird 🙂

    Schön das du dir die Zeit nimmst, das Erlebte hier niederzuschreiben. Da ich selbst auch von Zeit zu Zeit blogge, kenne ich den Aufwand der dahinter steht, inkl. der teilweise nervigen Suche nach einem anständigen Wifi.

    Wo ich bislang nicht hinter gekommen bin ist, die Qualität der Bilder ist miserabel und anfänglich konnte ich diese auch mal anklicken und vergrößern, das ist seit geraumer Zeit nicht mehr so. Ist das aufgrund schmaler Verbindung gewollt oder liegt das Problem bei mir? (Browser, OS, whatever?!).

    Ich wünsche dir eine gute Fahrt weiterhin, freundliche und aufgeschlossene Gastgeber und nicht soviel Regen/Gegenwind.

    Grüße aus Rendsburg

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    1. Wolfgang

      da muss irgendetwas im Blog-Layout verstellt worden sein. Das war mir auch schon vor einiger Zeit aufgefallen… eventuell hat Jürgen eine Idee…

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  7. Janine

    Hey Thomas,
    Endlich hatte ich die Zeit, um alles lesen zu können. Ich kann nur WOW sagen und Wahnsinn wieviel Du schon erlebt hast. Es bringt unfassbar viel Spass alles zu lesen und ich habe das Gefühl ich sei mitten drinnen. Vielen Dank, dass Du alles so lebendig wieder gibst. Hut ab für Deinen Mut. Hab noch gaaanz viel Spass und ich freue mich auf die nächsten Erlebnisse.
    Gaaaaanz liebe Grüße
    Janine

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