Memphis – Memphis – Forrest City

Gestern:
Ich liege bis 10:00 Uhr im Bett, schreibe meinen Blog, skype mit Jürgen und komme um 13:00 Uhr aus dem Haus. Ich mache mich auf den Weg zur großen Pyramide in Memphis. Die Idee, eine Pyramide in diese Stadt zu bauen, beruht darauf, dass der Name Memphis von einer der Königsstädte im alten Ägypten abgeleitet wurde. Das Bauwerk hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Ursprünglich wurde es 1991 als Basketballarena für die Memphis Grizzlies in Betrieb genommen. 2004 passierte dann zweierlei: zum Einen wurden neue Richtlinien für die Stadien der National Basketball League herausgegeben und zum Anderen führte ein Hochwasser des Mississippi zu einem erheblichen Wasserschaden. In der Folge wurde eine neue Arena gebaut und die Pyramide ohne große Reparaturen zunächst als Veranstaltungszentrum genutzt. 2007 war hier ein Konzert Bob Segers die letzte Veranstaltung. Schon seit 2005 gab es Gerüchte, dass der Bass Pro Shop hier eine Niederlassung eröffnen könnte, was immer negiert wurde. 2010 schlossen die Stadt Memphis und der Bass Pro Shop dann einen Erbpachtvertrag über 55 Jahre und 2015 wurde dann der Flagstore des Bass Pro Shop eröffnet.

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Auf dem Weg in die Stadt

Im Inneren der Pyramide ist eine Wasserlandschaft aufgebaut, Aquarien und ein Aligatorenbecken, um die herum die Verkaufsareale aufgebaut sind. Alles im Stil von riesigen Blockhütten. Rundherum gibt es eine Empore mit weiterer Verkaufsfläche und im zweiten Stock findet man einmal umlaufend 150 Hotelzimmer. Ich glaube, das schaffen nur die Amis, ein Hotel zu eröffnen, dessen Zimmertüren in einen Laden hinaus führen. Zunächst versteht man als Europäer gar nicht, dass man sich in einem Laden befindet. Zwanzig Meter hohe, mit Flechten bewachsene Baumstümpfe stehen zwischen Wasserflächen und die riesigen Blockbohlenhäuser, die da ineinander verschachtelt am Rand stehen. Am Ende laufe ich zwei Stunden durch diesen Laden. Die gesuchte kurze Hose finde ich relativ schnell. Ich entdecke dann noch eine Regenhose für 20 Euro aus einem Material, das ich noch nie gesehen habe. 100% wasserdicht, 100% atmungsaktiv, der Stoff(?) sieht aus wie drei Lagen Papier. Das muss ich ausprobieren.

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Als ich nach der Größe frage, komme ich mit dem Verkäufer ins Gespräch ich erzähle meine Geschichte. Als er erfährt, dass ich aus Germany bin, meint er, mit Euch kann man über Politik reden und schon beginnt ein reger Austausch. Seiner Meinung nach, seien die drängendsten Probleme der USA, das Bildungswesen (die Kosten für Ausbildung seien einfach zu hoch, er würde mit 36 Jahren immer noch seine Ausbildung abbezahlen), die Sozialversicherungen und die unzähligen Auslandseinsätze der amerikanischen Armee. Er sei Anhänger von Bernie Sanders, was er hier jedoch nicht so laut sagen dürfe. Der Bass Pro Shop unterstütze die Waffenlobby und Bernie Sanders will zwar das Recht auf Waffenbesitz nicht antasten, jedoch wesentlich strengere Richtlinien einführen, das kommt hier nicht so gut.

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Eine Reihe von zweien voll mit Munition,

Der gesammte zweite Stock ist den Waffen gewidmet. Hier halte ich mich auch sehr lange auf und beobachte. Hier ist mit Abstand am meisten los im Laden und langsam beschleicht mich das Gefühl, dass der ganze Rest des Ladens nur existiert, um dieser Abteilung ein naturnahes, ökologisches Image zu verschaffen. Selbst auf mich wirkt das alles nur noch wie eine notwendige Erweiterung eines Outdoorshops und als Outdoorshop versteht sich der Bass Pro Shop. Vierzig Meter Regale mit Schusswaffen, Armbrüsten und (Schieß-)Bögen schreite ich ab. Zwei Regalreihen an Munition zum selbst aus dem Regal nehmen und in den Einkaufswagen legen. Regalreihen von Zubehör, von dem ich nicht weiß, wozu es notwendig ist. Das finden selbst die Amerikaner groß.

Im Anschluss mache ich mich auf den Weg zum „Pink Palace“, dem Stadtmuseum für alles, was in anderen Museen keinen Platz gefunden hat. Mich interessiert nur die naturhistorische Abteilung, weil ich ein wenig zeichnen will. Ich komme dort um 16:15 Uhr an und soll 13,-$ Eintritt bezahlen, für 45 Minuten restliche Öffnungszeit! Ich erzähle, dass ich Kunst studiere, von New York nach San Francisco mit dem Fahrrad unterwegs bin und darf dann, ohne zu bezahlen, direkt in die Abteilung mit den präparierten Tierskeletten gehen: Dankeschön.

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Das Haus meiner Gastgeber.

Wieder ´Zuhause´, warte ich auf die Jungs und erfahre via SMS, dass sie alleine Essen gehen wollen. Dann überlegen sie es sich aber anders und nehmen mich mit. Es geht in die Pyramide. In der Mitte steht nämlich der größte freistehende Fahrstuhl der USA und transportiert Personen für 10,-$ in die Spitze der Pyramide. Wir bestellen zu Essen, gehen auf das Aussichtsdeck, Essen und fahren wieder nach Hause.

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Aquarium in der Mitte des Restaurants in der Spitze der Pyramide.

Ich ziehe mich ins Bett zurück. Irgendwie merkt man schon, dass die drei sich nahe sind, sich wortlos verstehen und ich nicht richtig an sie ran komme – und ich vermisse Jürgen.

Heute:
Um 6:00 Uhr klingelt der Wecker. Es soll heute regnen und ich habe die Hoffnung, dass ich die ersten drei Stunden ungestört vom Regen vorankomme. 7:45 Uhr stehe ich an der Eisenbahnbrücke, die den Radüberweg über den Mississippi an der Seite trägt. Die Rampen werden erneuert. Ich starre fassungslos auf die Baustelle, die den Zuweg zur einzig möglichen Radquerung unmöglich macht. Ein Passant kann mir nicht weiterhelfen: „Radfahren?“ fragt er verständnislos. Im Gebäude nebenan ist ein Nachrichtensender untergebracht und der Pförtner trägt ein blaues T-Shirt mit der Aufschrift ´I ♥ bike´ über einem Fahrradsymbol. „Das ist mein Mann“, denke ich und erkläre ihm meine Situation. Die nächste Möglichkeit mit dem Fahrrad über den Mississippi zu kommen ist etwa 150 Kilometer nördlich in Kentucky eine Fähre oder, auf halber Strecke, eine Interstatebrücke, die aber genau so gefährlich ist wie diese hier. Und hier stimme ich mal zu, dass das wirklich gefährlich ist, denn die riesigen Laster fahren fast Stoßstange an Stoßstange über die Brücke.

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Mir bleibt nichts anderes übrig, als zum Äußersten zu schreiten und frage ihn, ob er jemanden kenne, der mich eben auf die andere Seite der Brücke fahren kann. Er geht eben telefonieren und kommt nach kurzer Zeit wieder: „Ich mach’s!“ Auto in seinen Van und los geht’s. Nach zehn Minuten hat er mich in Memphis West an einer Tankstelle am Highway 70 abgeladen. Er nutzt die Zeit, mich mit Fragen zu löchern und ich kriege raus, dass er in Deutschland bei Frankfurt stationiert war. In seinem einzigen Feldeinsatz seien ihm alle vorderen Zähne aus dem Mund geprügelt worden. Er habe alle Zähne eingesammelt und sie mit Hilfe des monatlichen Schecks, den er jetzt von der Armee bekommt, in Gold fassen und wieder implantieren lassen. Alle Zähne sind von einem goldenen Rahmen umgeben. wir verabschieden uns herzlich. Er heißt Keith und ich heiße Thomas.

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Keith

Kaum los gefahren, beginnt es zu regnen, zwei Stunden zu früh. Die neue Regenhose hält dicht und dabei ist das Gewebe so luftig, dass ich immer einen frischen Luftzug um die Beine fühle. Der Regen wird heftiger, mehrmals zucken Blitze auf, der Regen steigert sich, der Gegenwind auch. Nur nicht stehen bleiben jetzt, dann steige ich nicht mehr auf, bis es trocken ist. Das Wasser läuft in Sturzbächen an mir herunter und ich wundere mich, wie dicht die Regenklamotten halten. Nur die Schuhe machen regelmäßig nach zwei Stunden schlapp. ich habe das zweite Paar Schraublöcher für die Kleats in der Sohle im Verdacht.

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Ich fahre einfach immer weiter, das Fahren im Regen wird zur Meditation und wenn es weniger regnet, dann weht der Wind auch weniger. Die Landschaft ist flach wie die Marschen in Schleswig-Holstein. „Mudlands“ nennnen die Amerikaner dieses fruchtbare Schwemmland aus riesigen Feldern, auf denen Mais angebaut wird. So kommt es, dass ich um 13:00 Uhr schon in Forrest City bin und mein Tagewerk geschafft habe.

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5 Replies to “Memphis – Memphis – Forrest City”

  1. Wolfgang

    Das Haus ist ja eher ein kleines Schloss/Burg, da benötigt der geneigte Besitzer natürlich ein entsprechendes Waffenarsenal, um es gegen die einfallenden Vandalen zu verteidigen. Schon wieder: Au weia! Und deshalb wird es auch Präsident dort schaffen, dass mit den Waffen in den Griff zu bekommen… ??

    Dass der Pamperseffekt dich so beflügelt, wer hätte es gedacht – nun bist du in den Weiten von Arkansas. zählt noch jemand mit??

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  2. hanne hartung

    Das ist ja Wahnsinn,soviel Waffen und Munition. Kein Wunder wenn die überall rumballern.
    Dein Haarschnitt sieht ja (was ich so sehen kann) ganz ordentlich aus.
    Toll das Du immer wieder so nette,hilfreiche Menschen ,triffst.
    L.G.helmut u hanne

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  3. Werner Jürs

    Da hast du ja viele Eindrücke sammeln können. Bin gespannt, wie lange die Hose hält. Von Regen und Hochwasser können wir auch ein Lied singen und mithalten. V geht vom Wintergarten. in die Küche und schreit, was ist denn hier los? Er steht im Wasser. Hundeschüssel voll, für Hundepipie zu viel, Badezimmertür aufgemacht und wir stehen vor einem Wasserfall. Andreas gleich nach oben und dann ab in den Keller. Bei Dennis und Anne ist im Bad unterm Waschbecken ein Schlauch abgegangen. Im Bad hätten wir Regenzeug gebrauchen können. Im langen Flur lief es an der ganzen Wand runter. Versicherung war schnell da. Jetzt stehen im Bad und langer Flur je ein Raumtrockner. Da kommt Freude auf, ha, ha, ha. Donnerstag ist treffen der Versicherung und Handwerker vor Ort. Bin gespannt. Mehr Einzelheiten wenn wir uns sehen oder du wieder zu Hause bist.
    Für dich weiterhin gute Fahrt und heile Regenkleidung oder weniger Regen :-). M+V

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  4. Elke

    Ja, die Amis und die Waffen – ein für uns Europäer eher unverständliches Kapitel. Mich würde ja mal interessieren, wie die Kommentare der Leute, zu denen du vor Ort Kontakt hast, zum Thema Donald for President so aussehen.

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