Tupelo – Myrtle

Wie immer kann ich mir die Hausnummer, die hier in Amerika gerne mal fünfstellig sind, nicht merken. So stehe ich in Tupelo vor einer Reihe Häuser und versuche mich zu erinnern. Vergeblich. Drei Häuser weiter stürzt ein Mann mit seinem Foxterrier auf dem Arm auf die Straße: „Thomas?“ Ich weiß sofort, der ist schwul. Über seinem Arm baumelt die dünne rosa Hundeleine und schleift auf dem Boden hinter ihm her. Er setzt den Hund auf den Boden, der sofort zum Haus zurück läuft und dort die Büsche untersucht.

Rufus schüttelt mir die Hand und führt mich ins Haus. Es ist vom Design der Ausstattung her gesehen das europäischste Haus, das ich hier je gesehen habe. Couch, Sessel und Regalen fehlt die sonst übliche derb-billige Opulenz; Möbel die eine Vergangene Epoche von einer Art nachahmen, die klar macht, dass dieses Möbelstück nicht lange überleben muss. Es fehlt eine gewisse Zeitlosigkeit, die ich hier bei Rufus finde. Alles wirkt mit bedacht ausgewählt und zusammengestellt. Selbst der Esstisch aus groben alten Holzbrettern passt sehr gut dazu.

Seine Mutter sitzt im Wohnzimmer auf der Couch, die Osteoporose zeigt deutliche Spuren an der alten Frau. Nach dem obligatorischen : „How are you doing?“ Was hier in den Südstaaten nichts anderes als ´Hallo´ meint (Und wirklich NICHTS mehr!, Man antwortet IMMER mit ´fine´!) Zeigt sie mir ihr Smartphone und fragt, ob wir sowas auch in Deutschland haben. Ich muss jetzt wirklich an mich halten, um nicht los zu brüllen vor lachen. Das war dann doch ein bisschen zu viel Klischee, der Amerikaner der glaubt, dass die Deutschen immer noch im Kriegsschutt herumkriechen.

Mama Rufus ist überzeugt davon, dass kein Ausländer in der Lage ist, sie mit ihrem Südstaatenakzent zu verstehen, was sie mir über Rufus mitteilen lässt. Rufus erzählt, sie sei ja für ein Jahr in Südafrika gewesen, dort hätte er gelernt Britisch zu sprechen, was ein Grund dafür sei, dass sie ihn nicht mehr so gut verstehe. Rufus kann erstaunlich gut Deutsch sprechen und hat dabei einen holländischen Akzent, was auch aus Südafrika herrührt, wo er Afrikaans gelernt hat.

Es gibt eine Tarte mit Spinat. Und anschließend will Mama Rufus nach Hause, weil es ihr hier zu kalt ist. Rufus hat die Heizung runter gedreht, weil mein hochroter Kopf wohl vermuten ließ, dass mir sehr warm ist. Ich nehme die Möglichkeit wahr, sie mit wegzubringen.

Mama wohnt in einer Dreizimmerwohnung in einem Appartementkomplex zur ebenen Erde, damit sie mit ihrem Rollator zurecht kommt. Beim Essen erzählt sie, dass vor zwei Tagen in der Seniorenwohnanlage wieder ein U-Haul (Miettransporter für Umzüge) stand und sie damit wohl von Nummer vier auf Nummer drei der Warteliste gerutscht sei. Ich darf mit in ihre Wohnung. Rufus nutzt eines ihrer drei MacBooks, er selber hat keinen Computer zu Hause, die habe er bei der Arbeit schon genug, um schnell eine Auktion zu beenden.

Mama zeigt mir indes ihre Wohnung. Sie sei vor einem Jahr hier mit ihrem Mann eingezogen. Rufus hat beim Umzug und Verkauf des alten Hauses geholfen. Sie haben den Zaun abreißen müssen und gemeinsam aus den noch guten Brettern den Tisch gebaut, der jetzt in Rufus‘ Esszimmer steht. Im Januar ist ihr Ehemann verstorben und da rollen ihr ein par Tränen die Wange herunter.

Sie zeigt zunächst ihr Schlafzimmer, was mich sehr erstaunt, weil mir noch kein Amerikaner (außer Jeneane) sein Schlafzimmer gezeigt hat. Das scheint doch so eine Tabuzone zu sein, die man nicht mit anderen Menschen teilt. Und dann das andere Zimmer. Ein Großteil der Sammlung des Vaters sei bereits an ein Museum gegangen erzählt Rufus mir, der herbeigerufen wird, da ich ja nicht in der Lage bin, den Südstaatenakzent zu verstehen. Der Vater habe verschiedene Dinge gesammelt, die mit der Familiengeschichte in Zusammenhang stehen, und Artefakte der Native Americans (Indianer). Diese Tradition geht schon auf die Großeltern zurück, die angefangen haben, Dinge von Vorfahren in Archivmanier zu kennzeichnen und in Katalogen das Wissen über diese Gegenstände aufzuzeichnen. So gibt es zum Beispiel eine Positiv-Daguerotypie von einem Vorfahren aus dem Bürgerkrieg, Spielzeug, Fotos, Versteinerungen, …

Wieder im Auto beginnt Rufus eine Rundtour durch Tupelo. Wer es noch nicht wusste und ich wusste es nicht: In Tupelo wurde Elvis Presley geboren!

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Die Verbindung Hauptstraße in Downtown zum Geburtshaus werden gerade mit viel Geld zu einer Prachtstraße ausgebaut. Und der Devotionalienkult reicht vom Geschäft, in dem Elvis seine erste Gitarre gekauft hat, über die Rundfunkstation im Gerichtsgebäude, in dem er seinen ersten Radioauftritt hatte, bis zu seinem Geburtshaus. Der Name ist geschützt, so dass man Geld zahlen muss, wenn man mit seinem Namen werben möchte. So haben sich die Tupeloer die Gitarre als Synonym für Elvis einfallen lassen und die findet man nun überall in der Stadt, so wie den Bären in Berlin, den Schwan in Neumünster, die Kuh in ?, …

Rufus erzählt von SEINEM Freund Mike, der Keramiker ist, was mich sofort interessiert, so dass wir am Ende bei ihm im Atelier landen. Sein Freund arbeitet als Professor an einer Kunstuniversität und wir sprechen über Kunstvorstellungen. Es macht Spaß, sich mit ihm zu Unterhalten. Ich schaue mir die Keramiken an und die Auswahl an Zeitungsausschnitten an der Wand, die von Mike und seiner Frau Lauren und ihrem Zuzug nach Tupelo erzählen. Ich bin überrascht. Später gibt Rufus zu, dass sie nicht im eigentlichen Sinne zusammen sind, er ihn aber liebt.

Kurz vorm Schlafengehen versuche ich noch zu organisieren, dass ich eine Bleibe in Memphis habe. Der Gastgeber, der mir vor vier Monaten zugesagt hatte, meldet sich seit Anfang Februar nicht mehr auf meine Nachrichten und ich gehe davon aus, dass das wohl nichts wird. Ich schreibe einen offenen Brief an die Couchsurfinggemeinde in Memphis, mit der Bitte um Hilfe.

Am nächsten Morgen habe ich bereits ein Angebot, das ich gleich annehme.

Kurz vor neun Uhr schwinge ich mich wieder aufs Rad. Heute nur für 55 Kilometer, dafür werden es morgen wohl 120 Kilometer. Als ich vor seinem Haus losfahre, kann ich schon sehen, dass ein Zug die Straße kreuzt. Als ich die 400 Meter bis zum Bahnübergang zurückgelegt habe, muss ich noch weitere vier Minuten warten, bis der Zug endlich passiert ist. Das war der längste Zug, den ich je in meinem Leben gesehen habe.

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Ganz so eben wie gestern geht es nicht weiter aber auch bei weitem nicht so hügelig wie noch vor drei Tagen. Die Sonne scheint ununterbrochen und es ist warm (16°C). So macht das Radfahren Spaß. Ich merke trotzdem, dass ich seit sechs Tagen Rad fahre und dabei in paar sehr heftige Regentage hatte. Ich mache mir Gedanken über den morgigen Tag, ob ich 120 Kilometer schaffe.

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Ist der Rasen nicht grün genug im Winter, dann wird er eben angemalt. Die Sorte Rasen die hier wächst, wird im Winter gelb. Das gefällt nicht jedem.

6 Replies to “Tupelo – Myrtle”

  1. Wolfgang

    Zugegeben hatte ich das mit Elvis auch nicht auf dem Schirm, aber der Ort sagte mir irgendwas…, so dass ich das Google Orakel neulich befragt hatte! Es ist aber auch nie meine Musik gewesen! Beim Namen deines Gastgebers muss ich immer an Rufus & Chaka Khan denken ?

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  2. hanne hartung

    Nun haben wir wieder etwas dazu gelernt.
    Grübel nicht über 120km,
    du hast doch schon ganz andereSrecken geschafft.
    Du schaffst das schon.
    L.G.helmut u hanne

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  3. Werner Jürs

    Hallo Thomas!
    Der Name Tupelo kam mir auch irgendwie bekannt vor. Aber an Elvis habe ich noch nicht gedacht. Den habe ich nach Memphis verlegt. Bin heute natürlich noch mal durch den Ort Tupelo gefahren. Habe nicht eine Elvis Figur gefunden.
    Wo hast du in Myrtle geschlafen? Sag nicht an der 178.
    Mich wirst du unterwegs nicht treffen, bin schon in Memphis angekommen. Habe Myrtle ausgelassen. Die Natur unterwegs ist schon sehr abwechslungsreich, aber bei den Straßen sieht man ja kein Ende. Ziehe den Hut vor dir. Den Drahtesel kann man da wohl ordentlich ausfahren.
    Werde Jürgen fragen, ob wir uns mal wieder sehen können.
    Nun weiterhin gute Fahrt und Laune. Ach ja, gönne deinen Körper auch mal eine Belohnung in Form von Salzgebäck. Wir kennen uns doch. V L G M

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  4. Werner Jürs

    Hallo Radler auf Amerikatour!
    Schön zu lesen, das du in Tupelo warst, da wurde ich wieder in die Zeit zurück versetzt, wo „Elvis Presley“ bei uns mit
    Rock`n Roll, Rockabilly, Country, Blues und Gospel zum „King of Rock`n Roll“ wurde. Wie man an den Bildern von dir sehen kann hast du auch etwas davon mitbekommen und festgehalten.
    Viel Spaß und Kondition weiterhin wünscht Vatter!

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  5. kati

    Fine 😉 . Nur 55 km und 16 grad. Das könnte vielleicht reichen, um Kraft für 120 km zu schöpfen. . Lg Kati

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