Atlanta – Cedartown

Es gibt mehrere Gründe früh aufzustehen, und sich auf den Weg nach Cedartown zu machen. Der wichtigste ist wohl, dass ich heute 12,5 Jahre mit Jürgen verheiratet bin und er um 18:00 Uhr Gäste erwartet. Bei mir ist es dann 12:00 Uhr und das ist somit die Uhrzeit, zu der ich in Reichweite eines schön schnellen Wifis sein möchte, um zumindest via Skype an den Feierlichkeiten Teil zu haben. Der zweite Grund ist, dass ab 12:00 Uhr Regen einsetzen soll und zwar nicht zu knapp. 15 ml sind es insgesamt, die da bis zum Abend runter kommen sollen. Da lohnt es sich, um 6:00 Uhr schwerfällig aus den Federn zu krabbeln, sich Klamotten überzuziehen und nach einem Frühstück im Stehen (ich weiß, ist nicht gesund) die Sachen zu packen und sich auf die Straßen zu begeben: So geschehen um 7:30 Uhr.

Ich lasse Leslie (sie) und Leslie (er) zurück. Beide waren sehr gute Gastgeber. Sie hat meine Wäsche gewaschen und er hat mich mit köstlichem Essen versorgt und durch die Stadt gefahren. Er ist ein fantastischer Koch und beim Genießen der Speisen am Esstisch schwärmen wir über Afrika. Dieser verwunschene, schwarze Kontinent, wo die Löwen, Elefanten und all die anderen wilden Tiere durch Kapstadt ziehen – tun sie nicht! Aber laut Leslie glauben fast alle Amerikaner dies. Sie hören nur, dass er aus Afrika kommt. Südafrika hat die größte Population an weißen Afrikanern, zu denen Leslie gehört. Ich würde jederzeit wieder bei ihnen zu Gast sein wollen aber eine Sache war dann doch befremdlich: Als er mich aus der Stadt abgeholt hat, sah ich etwas zwischen Beifahresitz und Konsole klemmen, hatte mir keine weiteren Gedanken darüber gemacht. Zu Hause angekommen, nimmt er dieses Etwas mit und es stellt sich als Pistole heraus. ´Eine Waffe´ schießt es mir durch den Kopf und ich habe die ganze Zeit fast drauf gesessen … weitere Gedanken mache ich mir erst mal nicht darüber.

Später allerdings stelle ich mir den Ernstfall vor: Jemand will ihn überfallen, er zieht die Pistole, es gibt eine wilde Schießerei. Wie kann man nur glauben, dass in so einem Fall weniger Leute auf der Strecke bleiben, als wenn man einfach das Auto oder andere Wertsachen anstandslos übergibt. Aber es ist ja nichts passiert.

Ich passiere Atlanta Downtown im Norden, klettere Hügel hinauf, lasse mich Hügel hinunterrollen und komme einigermaßen gut voran. Anfangs denke ich noch, dass die Beine so schwer sind, aber nach einer Stunde ist dieses Gefühl vollkommen verschwunden. Zu meiner Überraschung macht das Radfahren trotz gelegentlichem Nieselregen richtig Spaß.

Nach eineinhalb Stunden weiche ich von meiner geplanten Route ab und halte mich an einen autobahnähnlichen Highway. Ein kleines Auto (ist es etwa das kleinste, das ich hier in den USA je gesehen habe?) schert vor mir auf den Standstreifen und eine alte Frau winkt mich heran. Hinter ihr, über Rücksitz und Kofferraum gestreckt, liegt ihr Fahrrad wie ein Tetrisbaustein in das Auto gequetscht. Und während ich mich noch frage, wie diese alte Frau das Fahrrad da in ihr Auto bekommen hat, erzählt sie mir, dass da parallel zur Straße ein Biketrail verläuft. Das weiß ich. Biketrails sind insgesamt sehr rar gesät in den USA und die Erfahrungen, die ich bisher mit ihnen machen konnte, waren so, dass sie jede kleinste Geländeunebenheit mitnehmen und anstrengend zu fahren sind, weil zum Teil die Oberfläche auch in einem nicht ganz fahrradgeeigneten Zustand ist. Das war der Grund, warum ich hier darauf verzichtete. Sie fragt dann noch die ganze Geschichte: Woher, Wohin, aus Deutschland?, Warum und alles Gute. Nette Lady, am Ende habe ich keinen Zweifel mehr an ihrer körperlichen Vitalität und der Fähigkeit, ihr Fahrrad im Auto zu verstauen.

Zwei Kilometer später kreuzt meine eigentliche Route über mir auf einer Brücke den Highway, auf dem ich bis jetzt höchst zufrieden unterwegs war. Mir wird klar, dass dieser Trail eine ehemalige Bahntrasse ist und die sind im Internet immer als herausragend gut beschrieben worden. Die nächste Gelegenheit auf meine alte Route zu kommen läßt noch sechs Kilometer auf sich warten, doch dann …

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Dann geht es richtig los. Der Trail ist hervorragend ausgebaut. Der ´Silver Comet Trail´ hat minimale Steigungen und trotz leichtem Gegenwind, bin ich immer mit mindestens 17 km/h unterwegs. Ob ich gerade auf einer Steigung oder am Gefälle bin, bekomme ich eigentlich nur über die Geschwindigkeit mit. Die Strecke führt über hohe Dämme und tiefe Schluchten und immer wieder stelle ich mir die kleine Lok vor, die hier vor langer Zeit dampfend durch die Wälder zog; denn waldreich ist es an der Strecke.

Es fängt um 10:00 Uhr an zu regnen, was eigentlich erst um 12:00 Uhr der Fall sein soll. Der Regen steigert sich immer mehr und wird zu Bindfäden. Ich habe mich schon vorher in meine Gummikleidung gewickelt und bin gut geschützt. Es macht fast Spaß im Regen Rad zu fahren, zumindest ist es nicht schlimm. Immer wieder steigert sich das Quaken von Fröschen zu einem lauten Ton, der in der Vielstimmigkeit einem merkwürdigen Rauschen nahe kommt. Magnolien blühen und Zierkirschen auch.

An Stellen, wo der Weg besonders tief in den steinigen Boden getrieben wurde, plätschern Rinnsale die Felsen herunter und zwei oder drei mal sind es richtige Wasserfälle. An einer Stelle stehe ich plötzlich vor einem Eisenbahntunnel, der etwa 200 Meter lang ist und hier kann ich dann in strömendem Regen auch noch ein Foto schießen. Kardinäle habe ich noch nie in dieser Zahl gesehen. Ich dachte immer, dass es sie auch in Europa gibt, doch musste ich jetzt lernen, dass dies ein Vogel Noramerikas ist. In North Carolina ist er sogar der Wappenvogel. Heute schienen sie gebalzt zu haben, denn zum Teil flogen zehn bis fünfzehn Stück um mich herum, ohne sich durch meine Anwesenheit in ihrem Treiben stören zu lassen: Rote Rubine flattern durch die Luft. Und: wilde Truthähne habe ich gesehen, zwanzig Meter vor mir überquerten zwei Stück den Weg. Habe nie daran gedacht, dass es sie außer in der Wurstpelle auch in der freien Wildbahn gibt. Ich musste gleich an Asterix und Obelix in Amerika denken.

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Die letzten zwölf Kilometer sind dann doch noch mal anstrengend. Die Steigungen waren so heftig, dass einmal in der kleinsten Übersetzung das Vorderrad anhebt, ich drohe nach hinten über zu fallen und nur durch heftiges nach vorne Beugen kann ich einen Sturz verhindern. Wer macht denn solche Fahrradwege?

Um 14:30 Uhr kann ich endlich Kontakt via Skype mit der Heimat aufnehmen, mir wird doch ein wenig wohl ums Herz die Menschen daheim zu sehen.

Das Motel, in dem ich um 17:00 Uhr einchecke, ist mal wieder ein Negativbeispiel: Es gibt nur zwei 30W-Funzeln, die Deckenplatten biegen sich durch und wurden an zwei Stellen mit Gaffatape stabilisiert, Kabel hängen aus der Decke, der Teppich schlägt überall Wellen, das Bad ist aus den Sechzigern, die Möbel an der Unterseite durch einen alten Wasserschaden aufgequollen und neben dem Bettpfosten klebt etwas altes, großes an der Wand, was wohl mal gelebt hat. Aber die Wäsche riecht frisch nach Desinfektionsmittel…

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10 Replies to “Atlanta – Cedartown”

  1. Wolfgang

    Na wie gut, dass alles in deinem Motel-Zimmer schon tot ist, ansonsten wäre deine ausgebreitete Wäsche ein wunderbares Feuchtbiotop für die vielen Mitbewohner!
    Das nicht näher identifizierte „Etwas“ ist entweder ein Käfer oder ein erblindeter Alligator ?, denn irgendwo muss ja der tägliche Käfer sein….

    So, es gibt also noch wilde Tiere dort, wer hätte es gedacht! Oder leben die intelligenteren nur nicht am Highway??

    Go West!

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      1. Wolfgang

        der weisse Alligator, lichtscheues Gesindel…. oder:
        – (Fleder-)Mäuse
        – Ratten
        – Marder
        – Tauben
        – andere lustige Kleinsäuger…

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  2. hanne hartung

    Das waren ja nette Gastgeber.Gott sei Dank, hast Du in dem Hotelzimmer nachts die Augen zu
    und siehst nicht was sonst noch an der Wand klebt.Die Zierkirschen und Magnolien blühen
    das hört sich nach Frühling an.Danach sehnen wir uns auch.In Gedanken bin ich immer noch
    bei deinem Bericht von gestern . Weiterhin viel Spaß beim radeln und pass auf dich auf.
    L.G.helmut u hanne

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  3. Werner Jürs

    Wir! wollten ja erst heute keinen Bericht schreiben, weil ich gleich nach Kiel muss. Ich hoffe die Wäsche ist wieder trocken, bevor du sie wieder benutzt!! Auf dem Foto ist es sicher eine optische Täuschung, aber es sieht aus, als wenn sich dein Rad mit auf dem Zimmer befindet, aber dem ist wohl nicht so. LG V.

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