Spartanburg – Anderson

Was habe ich mir nur dabei gedacht? Als ich die Tour geplant hatte, kam ich irgendwann an den Punkt, dass ich dachte, ich müsste Strecke machen, damit in ich San Francisco auch wirklich ankomme. So sind diese vier Tage zwischen Charlotte und Atlanta entstanden. Alle drei Tage über 100 Kilometer. Gott sei Dank habe ich sehr nette Menschen, die mich beherbergen und mich gestern und heute jeweils ein paar Kilometer mit dem Auto gefahren haben. Ich habe entschieden, dass ich nicht mehr als 100 Kilometer am Tag mit dem Rad unterwegs sein will. Dabei ist nicht entscheidend, dass die Strecke zu lang ist, sondern viel mehr, dass ich sonst nicht die Zeit finde, mich um den Blog und die Menschen, die ich treffe, zu kümmern.

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Bekannte Polemik: Wenn einem schon keiner Recht gibt, dann muss man sich halt selber recht geben.

Gestern bin ich bei Kate aufgeschlagen. Sie hat Medizin studiert und ist dann auf eine ganzheitliche Medizin umgeschwenkt. Ihre Hunde (2 Chiwawas) bellen die ganze Zeit und ich denke an Lilly, unseren Bordercollie. Sie zeigt mir mein Zimmer und ich gehe Duschen. Als ich wieder stadtfein bin, stehe ich in einem leeren Haus. Kate scheint verschwunden. Ohne den Eigentümer fühlt man sich in einem fremden Haus noch mal um einiges mehr fremd. Irgendwann, nachdem ich ein weinig ratlos dagestanden habe, rufe ich zaghaft nach Kate. Dann etwas kräftiger; die Chiwawas antworten und dann kommt auch Kate aus einem Zimmer. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll.

Sie spricht das Thema Essen an und bietet an, dass wir Essen gehen. Mir ist irgendwie nicht danach und ich frage, ob sie Lust hat gemeinsam zu kochen. Sie findet das eine gute Idee und wir inspizieren den Kühlschrank, um herauszubekommen, was wir noch einkaufen müssen. Alles da und dann gesteht sie mir, dass sie in der Küche nicht wirklich in der Lage ist, gemeinsam zu kochen. Mir geht es genau so, also beschließe ich, dass ich etwas koche. Es gibt ein Curry.

Während ich koche, ist Kate wieder verschwunden. Sie wollte nur mal die Mails Checken, meinte sie. Egal, ich erobere die Küche. Es gibt kein Salz in diesem Haushalt: also wird der Geschmack mit frischen Kräutern und Gewürzen ordentlich aufgerüstet, was ganz gut funktioniert. Das Essen wird ganz kommunikativ. Sie berichtet ein wenig von ihrer Arbeit, wirkt ein wenig echauffiert, als ich frage, ob sie Ärztin oder Pflegerin sein. In Deutschland ist die Ganzheitlichkeit des Gesundheitssystems eher in der Pflege angesiedelt. Sie berichtet von ihrem Sohn, der Jura studiert, und mit siebzehn eine Krebsdiagnose bekommen hat. Er ließ sich nicht operieren und hat seinen Krebs angeblich mit ganzheitlichen Ernährungsmethoden geheilt. Ich bin skeptisch und sie scheint das zu merken. Es macht den Eindruck, dass sie der Meinung ist, das man alle Erkrankungen mit der richtigen Ernährung heilen kann: Auch Schizophrenie und Persönlichkeitsstörungen. Ich werfe ein, dass eine bewuste Ernährung sicherlich dazu beitragen kann, den eigenen Körper besser zu spüren und somit das Bewussein für das eigene Ich zu schärfen. Aber daraus eine generelle Heilungsmöglichkeit zu erklären halte ich für gewagt. Sie habe ihre Doktorarbeit über eine Gruppe von Millionären geschrieben, die um 1920 zweiundzwanzig psychiatrische Kliniken gekauft hätten und ausschließlich mit Ernährungsumstellungen eine Heilungsrate von 95% bei psychiatrischen Erkrankungen erreicht hätten. Die ´amerikanische Aufsichtsbehörde für Medikamente´ (Ich weiß nicht wie die genau heißt) habe diese Behandlungsmethode schließlich untersagt (Hört sich nach ´Dallas Buyers Club´ an).

Plötzlich und unerwartet steht sie auf, erklärt müde zu sein und sie werde morgen um 8:30 Uhr aufstehen. Es folgt eine kurze Absprache über die Art des Frühstücks und weg ist sie. Ich puzzle noch ein wenig im Computer rum und gehe dann auch früh zu Bett.

Am nächsten Morgen bietet Kate mir an, mich ein kleines Stück mit dem Auto zu fahren. Ich nehme dankend an. Meine Tour startet dann in Woodruff, weil es zwischen der I 26 und Woodruff tatsächlich nicht eine Möglichkeit gab, das Fahrrad auszuladen, ohne von einem der großen Trucks umgenietet zu werden.

Wir unterhalten uns während der Fahrt über Menschen in Amerika, die für eine bestimmte Zeit nicht arbeiten. Sie meint, dass sei sehr ungewöhlich in den USA. Lücken im Lebenslauf seien überhaupt nicht gut. Sie wollte wissen, was für Leute das seien. Grafikdesigner. Ja, die könnten so etwas machen, die seien ja sehr gesucht. Ein Arzt. Ja, die auch, die kriegen immer wieder einen Job. Eine Servicekraft in einem Restaurant. Ja, die bekommen auch immer wieder einen Job. Fast hätte ich es vergessen. Die Amerikaner waren auch alle der Meinung, ich könne in dieser Jahreszeit keine Fahrradtour von New York nach San Francisco machen. Ich gewöhne mich an dieses Land.

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Mit Seitenwind geht es die sanften (ein paar mal auch nicht so sanften) Hügel rauf und runter. Zur Ablenkung fange ich an, Ich-Packe-Meinen-Koffer zu spielen:
Ich packe in meinen Koffer:
– ein Stinktier
– noch ein Stinktier
– noch ein Stinktier
– noch ein Stinktier
– ein Reh
– einen Bieber
– ein Opossum
– irgendwas mit Federn
– ein Stinktier
– ein Irgendwas
Die überfahrenen Tiere am Straßenrand

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Der Lehm wird immer roter. Vor einer Woche war er noch Ockergelb. Jetzt sind wir bei Siena

Jetzt habe ich mich in einer Bücherei eingenistet und nutze das Wifi.

5 Replies to “Spartanburg – Anderson”

  1. Wolfgang

    Na nun hast du endlich bei allen mit medizinischen Berufen, studiert oder unstudiert, und allen anderen Followern endlich was zum Diskutieren gefunden. Gut, dass du schnell Deinen Koffer gepackt hast, ein Stinktier extra passt dann nicht mehr rein…. Was war jetzt besser? Mike’s Cafe und der von Kate…?

    Ich habe heute bei den Fahrradkommentatoren ein Bild gepostet: wenn Du in Atlanta ankommst, sind es über 1.000 Meilen seit Big Apple. Und die „8 Mile“ hast Du ja auch schon quasi hinter dir. Liebe Grüße über den großen Teich!

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  2. hanne hartung

    Schöne Bilder hast Du gemacht. Da wir gerade vom Theater kommen werde ich deinen
    Bericht morgen früh in aller Ruhe lesen.

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  3. Werner Jürs

    Hallo! Bin grade mit Lilly zurück. V ist schon zu Bett. War ganz schön kalt. Lilly wollte schnell wieder zurück.
    Diesmal war es wohl teilweise nicht so berauschend. Du warst ja schon sehr verwöhnt. Das nächste mal sieht bestimmt wieder anders aus und du brauchst keinen Koffer zupacken. Bleib fidel und halt den Kopf hoch. Dein Hund und ich sind jetzt müde und gehen zu Bett. Liebe Grüße und gute Nacht. Träum was schönes. M

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  4. hanne hartung

    Hallo Thomas!
    Hoffentlich hast Du bei Kate gut geschlafen,damit Du die nächste Etappe schaffst.Für die nächsten
    Übernachtungen wünsche ich Dir wieder so herzliche Gastgeber ,wie Brain.Ich habe schon gehört
    das die Amerikaner anders mit dem Krebs umgehen und viel über Ernährung machen aber am Ende
    hilft es nicht immer.So,lieber Thomas,pass gut auf Dich auf.Freue mich schon auf den nächsten
    Bericht.

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  5. Elke

    Hehe, deinen aktuell gepackten Koffer möchte ich ja nicht öffnen :-)! Gute Entscheidung, nicht mehr als 100 km pro Tour zu düsen.

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