Charlotte

Brian wurde 1957 in Kalifornien geboren. Mit fünf von seinem Onkel missbraucht und schon früh war ihm klar, dass er schwul ist. Zu Weihnachten durften er und seine drei Brüder sich aus einem Spielzeugkatalog immer drei Geschenke aussuchen und er wünschte sich Barbypuppen und andere `Mädchensachen´ und bekam aber immer Footballs und andere ´Männersachen´. Sein Vater meldete ihn mit zwölf Jahren in einem Boxclub an und er musste Boxen lernen. Als er mit 18 ans College ging und Psychologie studierte, lernte er eine sieben Jahre ältere Spanierin kennen und heiratete diese ein Jahr später. Schon ein weiteres Jahr später war sie schwanger und erwischte ihn mit einem Mann im Bett. Anstatt mit ihm zu sprechen, rief sie seinen Vater an und bat diesen, einzuschreiten. Doch dieser fragte sie nur, wie alt sie sei und ob erwachsene Menschen nicht mehr miteinander reden würden. Es dauerte noch zwei Jahre, bis das Thema auf den Tisch kam, die Scheidung vorbereitet wurde und Brian sich gezwungen sah, mit seinem Vater zu reden, der mittlerweile Witwer geworden war. Sie saßen in einem Restaurant und Brian war die ganze Zeit am heulen, er müsse seinem Vater etwas erzählen, etwas sehr schlimmes. „hast Du jemanden umgebracht?“, „Nein, viel schlimmer?“, „Hast Du Drogen verkauft?“, „Nein, viel schlimmer!“. Schließlich sah sich der Vater gezwungen zu raten: „Willst Du mir etwa sagen, dass Du schwul bist?“, „Nein, Nein, Nein!“ Da war es dann schließlich doch raus und sein Vater teilte ihm mit, dass er das schon wüsste, seit er ein Kind sei. Warum er ihn dann immer so hart erzogen habe? Weil Du zwei Dinge mit Dir rum trägst: Du bist schwarz und schwul. Ich wollte, dass du hart genug wirst, um das zu ertragen. Und letztenendes musste Brian eingestehen, dass ihm das Boxtraining in vielen Fällen geholfen hat, in schwierigen Situationen ´genug Mann zu sein´, seine Gegenüber zur Raison zu bringen.

Schon bald danach lernte er seinen zukünftigen Partner kennen, einen weißen Arzt. Er begann an einem Krankenhaus auf der Hospizstation zu arbeiten. Die Arbeit erfüllte ihn. Sein Partner war Hämatologe, bei einem Arbeitsunfall mit HIV-kontaminiertem Blut infizierte er sich und entwickelte bald AIDS, an dem er nicht viel später starb. Die Gespräche auf der Hospizstation ertrug er nicht mehr und kündigte, bekam bald eine Stelle als Steward bei einer Airline. Als Psychologe gelang es ihm bald auf internationalen Strecken eingesetzt zu werden und bekam viel von der Welt zu sehen. Er legt massiv an Gewicht zu, entwickelt eine Diabetis Typ 2.

Eine Tante starb, hinterließ ihm viel Geld und und er konnte sich ein gutes Haus in Washington kaufen. Er flog auf den Strecken Europa – Washington. Über einen Freund in Washington lernte er Patrik, einen Brasilianer, kennen. 33 Jahre jünger. Sie verliebten sich ineinander und er wechselte auf die Strecke Washington – Brasilien. Er nimmt 62,5 Kilo Gewicht ab und passt in einen Anzug, der mir perfekt passt. Vor drei Jahren hatte er eine Vision: Er solle sein Haus in Washington verkaufen und sich in Charlotte niederlassen. Gesagt getan. Er fand mit der gleichen Methode das Haus, in dem er wohnen solle. Er fuhr hin, kaufte das Haus, zog ein und ließ es ausbauen.

Vor einem Jahr hatte er auf einem Flug nach Brasilien einen Herzinfarkt, zwei Kardiologen an Bord retteten ihm das Leben. Nach einem halben Jahr Rehabilitation bemerkte er eine Vergesslichkeit und ging zu einem Neurologen. Nach einem PET-Scan und weiteren Untersuchungen wurde eine erblich bedingte früh beginnende Alzheimererkrankung diagnostiziert. Seitdem darf er nicht mehr fliegen.

Manche Geschichten sind ein wenig zu hart. Er geht so offen mit seinem Schicksal um, dass es mir schwer fällt, nicht davonzulaufen. Er schaut der Realität mit einer Brutalität in die Augen, dass die Nationale Alzheimerliga auf ihn aufmerksam geworden ist und ihn dazu gewinnen konnte, Vorträge im ganzen Land zu halten. Ab Juni wird er für ein Jahr in den ganzen Staaten unterwegs sein, um diese Vorträge zu halten. Er macht Witze: Die wollen die Flüge und Unterkünfte bezahlen, aber die können mich mal. Ich bezahl die Flüge selber, ich habe keine Lust auf Economyclass und zwei Sterne Hotels.

Er hat viele Freunde, ständig klingelt sein Handy. Aber er hat keine Familie, die sich um ihn kümmern wird, wenn er nicht mehr zurecht komme. Seine Exfrau wohnt, genau wie seine Tochter, in Kalifornien. Seine Tochter wolle nur sein Geld.

Vorherrschendes Thema ist seine Alzheimererkrankung. Mir ist das zu nah, was ich gemein von mir finde. Ich bin aus Norddeutschland, dort braucht es etwas mehr Zeit, um sich so nahe zu kommen. Zumindest mehr als zwei Stunden. Manches bekomme ich wohl in den falschen Hals und verstehe so manchen Scherz, den er macht, anzüglich. Aber dem ist nicht so. Eigentlich will er essen gehen aber der einsetzende Eisregen verhindert dies. Er nimmt mich mit zum 500 Meter entfernten Supermarkt. Wir fahren mit Auto, er biegt verkehrt ab, ist kurz irritiert, findet den richtigen Weg: „Mein Alzheimer.“ kommentiert er achselzuckend. Abends schauen wir einen Film. ´Still Alice´. Es geht um eine Professorin, die früh an Alzheimer erkrankt.

Es braucht etwas, bis ich ruhig schlafen kann.

Nach dem Frühstück geht’s ins Aviation Museum. Ein alter Flugzeughangar dient als Ausstellungsraum für verschiedene Flugzeuge. Unter anderem steht hier der Airbus A370, der vor Jahren auf dem Hudson River notgelandet ist, eine Tante Ju und einer dieser Helikopter mit zwei Rotoren, die man im Zusammenhang mit dem Vietnamkrieg häufig gesehen hat. Anschließend lädt er mich zum Essen zum Mexikaner ein.

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Der A370 der im Hudson River notwasserte

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Dann führt er mich ins Levine Museum of the New South. Es geht darum, dem konservativen Süden ein neues Image zu verkaufen. In verschiedenen Szenarien, durch die man wandert, wird die Geschichte Charlottes aufgearbeitet. Von den Baumwollfabriken über das Civil Rights Movement bis zur Bankenmetropole (Charlotte ist der zweitgrößte Finanzplatz in den USA). Die Sklaverei wird kaum erwähnt, der Ku Klux Klan ausführlich getadelt. Ansonsten wird nur die Armut der weißen Landbevölkerung thematisiert. Erst Martin Luther King und dem Civil Rights Movement wird ein ganzer Raum gewidmet. Sehr schön, wie die unkommentiert gelassenen Fernsehausschnitte den Rassismus der damaligen Zeit dokumentieren. Unglaublich, ich frage mich immer wieder, wie konnte man damals bloss überleben, seine Wut aushalten? Wieviel hat sich bis heute wirklich verändert?

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Immer wieder wird sein Alzheimer deutlich: Weg nicht finden, gegen die Einbahnstraße fahren, Fragen wiederholt stellen, … Er hält sich an sein Navi.

Heute Abend werde ich ein schwules Paar, Freunde von Brian, kennenlernen. Sie sind seit 14 Jahren ein Paar und seit einem Jahr verheiratet und sie treffen Brian immer einmal die Woche, um Essen zu gehen. Um ein Haar hätte ich gestern noch die Möglichkeit gehabt, den schwulen Chor Charlottes zu sehen. Brian singt dort mit und sie treffen sich immer montags zum Proben. Die Probe wurde aber abgesagt, wegen dem Glatteis.

6 Replies to “Charlotte”

  1. Wolfgang

    Was für ein Schicksal, und das im absoluten Crashkurs! Das muss erstmal verarbeitet werden….

    Du machst einen Tag Pause in Charlotte, das ist gut so! Und nun soll ja auch das Reisewetter viel besser werden – GO WEST!

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  2. hanne hartung

    Hallo Thomas,
    Da mußtes Du aber viel verdauen.Wir Leser ebenfalls. Eins wurde mir wieder mal bewusst.
    Wie schön es ist ,Familie, zu haben und Freunde.Wünschen wir Brian,das seine Freunde
    sich um ihn kümmern wenn er irgentwann nicht mehr allein zurecht kommt.
    weiterhin gutes radeln ohne Eisregen.

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  3. Werner Jürs

    Hallo! Was für Geschichten. Da warst du bestimmt als guter Zuhörer gefragt
    Ich bin gestern schon mal Richtung Atlanta gereist, Die Temperaturen gingen dort in den zweistelligen Bereich. Also, auf in die Wärme. Neue Leute und Eindrücke kennen lernen. LGM

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  4. Elke

    Harte Story. Trotzdem finde ich es irgendwie auch etwas überzogen von deinem Gastgeber, einen fremden Gast wie dich so im Detail damit zu konfrontieren. Aber jedenfalls wird es nicht langweilig für dich. Es ist total interessant, zu lesen, welche unterschiedlichen Typen du so triffst.

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  5. Werner Jürs

    War eben ganz erstaunt, das Bilder zusehen waren. Freue mich riesig dich zu sehen. M

    Ich kann mich Elkes Meinung nicht ganz anschließen. Denn man lernt doch Land und Leute kennen wenn man mit deren Geschichten konfrontiert wird. Was mich berührte, war das „gut gemeinte Wohl“ des Vaters bei der harten Erziehung. Ich glaube, ihm ist gelungen, das sich sein Sohn im Leben zurechtfinden kann
    Solche Gespräche ergeben sich wohl wenn man offen zu sich und seinem Leben steht.
    Dies soll jetzt keine Kretik sein.

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  6. Werner Jürs

    Da ich ja im Moment auch mal wieder die Gelegenheit habe an meinem PC zu arbeiten, nutze ich schnell die Gelegenheit, dir auch mal ein paar Zeilen zu schreiben. Mit Freude lese ich immer deine Berichte, auch wenn es manchmal ½ Romane sind. Aber erlebt ist erlebt, ich freu mich mit dir, auch weil du es so detailliert schilderst. Auf 2 Bildern ist wahrscheinlich Brian zu sehen? Hier hat er unwahrscheinlich Ähnlichkeit mit Bruno (Mann von Ina), jedenfalls Aussehen, Statur und Größe. Ich hoffe es geht dir gut! Alles Gute dann weiterhin! Gruß V.

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