Raleigh – Bear Creek – Richfield

Ich habe lange nichts von mir hören lassen, weil ich in der Pampa gelandet bin. Ich habe viel erlebt; wunderbare Begebenheiten, von denen ich Euch jetzt erzählen will.

In Raleigh geht es dann noch mal kräftig rauf und runter, was weniger ein Problem ist, als die Kälte. Am Ende stehe ich dann aber doch vor Jen´s Haus und klingel, was hinter der Haustür wütendes Gebell erzeugt. Sie zeigt mir das Haus. Von draußen habe ich es für ein neues Haus gehalten, das vielleicht zehn bis zwanzig Jahre alt ist. Drinnen stehe ich dann aber auf altem Eiche-Schachbrett-Parkkett. Die Türen sind ebenfalls alt und entsprechend haben Jen und ihre Mitbewohnerin das Haus mit alten Möbeln ausgestattet.

Sie will heute abend noch zu einer Couchsurfing Veranstalltung: Video-Game-Challenge. Ich entschließe mich trotz zunehmender Müdigkeit dazu, mitzugehen und bereue es nicht. Wir fahren nach Durham, was sich wie Dürüm anhört, wenn die hier ansäßigen Leute es aussprechen. Ich denke immer an Döner, wenn sie die Stadt erwähnen. Vor ein paar Jahren soll Dürüm noch eine hartes Pflaster gewesen sein, aber es hat sich nach der Krise sehr entwickelt und soll heute eine Perle sein.

Ich kann davon nur wenig sehen, da es dunkel ist. Jedoch, so viel kann ich erkennen, liegen die Hochhäuser der Downtown wie ein kompakt wirkender Klotz in der Mitte der Stadt; so habe ich es auch in Richmond gesehen. Wir fahren in eine Sackgasse und das letzte Haus im Wendekreis ist unser Ziel. Die Tür öffnet sich und wie fast in jedem Haus, führt die Haustür direkt ins Wohnzimmer.

Meine Vorurteile überraschen mich unvermittelt, wir sind zu Gast bei einem Schwarzen, Wilson, ich erwische mich beim Gaffen, versuche dies zu unterbinden und frage mich, warum mich das so erstaunt. Ich kann die Menschen hier nicht einschätzen, bin in den Südstaaten und weiß nicht, wie die Regeln sind. Gerade vor dem Hintergrund, dass in Deutschland seit einiger Zeit die Rechten versuchen, mit einer neuen Rethorik die Grenzen zu ihrem Rechtsextremismus zu verschleiern, indem sie Worte wie zum Beispiel ´Asylkritiker´ einführen und verwenden, fällt es mir schwer, Menschen dahingehend einzuschätzen, wie sie zu anderen Ethnien, Religionen, Lebensweisen stehen. Nach ihren Taten soll man Menschen beurteilen, nur wie kann man das nach zwei Stunden tun?

Auf keinen Fall möchte ich aufdringleich sein. Es gibt Menschen, die zu mir als Schwulen ungeheuer nett sind und best friend mit mir sein wollen. Manchmal bleibt das Gefühl zurück, dass man als Label herhalten muss, damit der Betreffende seiner Umwelt zeigen kann, wie tolerant er ist. Ich möchte tausend Fragen stellen, weil es ja um Vorurteile geht, ich mich selber bei Vorurteilen erwische, die USA als rassistisch gelten, und und und. Aber ich schweige, was zum Teil auch meiner Müdigkeit geschuldet ist, ich kann die Worte nicht mehr so genau wählen.

Jen fährt mit mir noch schnell zum Food-Lion und geht einkaufen. Ich bin erleichtert. Food Lion ist nicht, wie ich vermutet habe, ein Betreiber von kleinen Einkaufszentren, sondern eben ein Supermarkt und zwar ein guter. Um dies ein wenig zu verdeutlichen, ich bin schon sehr oft an diesen Gebäuden vorbei gefahren: hinter einer etwa hundert bis zweihundert Meter langen Fassade reiht sich ein Gechäft neben dem anderen. Den Vorsprung in der Mitte der Fassade habe ich zwar als Eingang gesehen, aber nicht zu einem Supermarkt, der den hinteren Bereich des Gebäudes ausfüllt. Ich weiß jetzt also, wo ich was zu Essen bekomme.

Das Videospielen kommt nicht so richtig in Fahrt und so kramt einer ein `Outburst´ hervor, wir nutzen die Karten des Spiels dazu, um alle miteinander die Lösungen zu raten. Ich merke, wie sehr ich schon in die englische Sprache abgleite und das verstehen immer flüssiger wird.

Nach drei Stunden machen wir uns auf den Rückweg und während der Fahrt entsteht eine Diskussion über Berufe und Lebensläufe. Ich erkenne wieder, wie offen das System in den USA ist, wenn man überhaupt von einem System reden kann. Reed zum Beispiel, hat nach der Highschool Polikwissenschaften studiert, aber schon während der Highschool Tennisunterricht gegeben und ist schließlich dabei geblieben. Es reicht zum Geld verdienen, sagt er und es macht ihm Spaß. Er weiß, dass er das nicht ewig machen kann, ist aber überzeugt, dass ihn die Zeit schon in einen anderen Hafen führen wird. Charleen arbeitet bei einem Paketdienst im Büro, bekomt zu wenig Geld dafür, will was anderes machen, aber die Zeit hat ihr noch keinen neuen Hafen zugewiesen. Sie bewirbt sich für verschiedene neue Jobs, bekommt aber nur Absagen, weil sie, davon ist sie überzeugt, noch nicht Feuer gefangen hat für was Neues. Jen arbeitet für ein Privates Unternehmen im Büro, das Buchhaltung für die Armee betreibt, studiert hat sie was anderes und ihre Mitbewohnerin hat in der Highschool angefangen, Legosteine zu gravieren, was am Ende so viele Leute toll fanden, dass sie sich mit dieser Idee selbständig gemacht hat. Diese Lebensläufe höre ich hier häufig, selten haben die Jobs etwas mit den Ausbildungen zu tun. Es scheint so, dass, wenn einen etwas interessiert, dann gibt es nicht selten die Möglichkeit, jemanden zu finden, der einem den Einstieg in dieses Arbeitsfeld ermöglicht.

Der nächste Tag soll noch kälter werden. Ich bin ein wenig ratlos, wie ich da Radfahren soll, da passt es ganz gut, dass Reed mir anbietet, mich mit meinem Rad ein Stück Richtung Bear Creek zu bringen; nur nicht so früh, fügt er hinzu, es sei ja schließlich Samstag. Ich nehme diese Angebot ehrlicherweise dann doch ganz gerne an und so verabreden wir erst mal, auszuschlafen.

Am Morgen werde ich mit einem üppigen Frühstück bewirtet. Das amerikanische Frühstück wäre in Deutschland eher ein Mittagessen: gebratene Kartoffeln, gebratener Schinken und Spiegel- oder Rühreier. Man gewöhnt sich dran und es schmeckt dann auch ganz lecker. Das Gespräch kommt dann doch noch Mal auf den Rassismus zu sprechen und ich erfahre, dass die auf dem Land noch häufig anzutreffende Flagge der Konföderierten schon als Hinweis verstanden werden kann, dass man die Schwarzen eher als Bedienstete denn als gleichberechtigte Amerikanische Staatsbürger sieht. In Jen´s Erklärungen schwingt das mit, was ich oben in der Deutschen Rethorik der Rechten versucht habe zu erklären. Viele dieser Leute, sehen sich nicht als Rassisten, bedienen sich aber der Idee und verpacken diese scheinbar in Worten, die schwer macht, sie anzugreifen. Wilson ist mit einer Weißen Frau verheiratet, sie sind seit der Highschool ein Paar und haben wohl mächtig leiden müssen unter ihren Mitschülern. Wie stark muss eine Liebe sein, die das über Jahre aushält? Das ist auf jeden Fall nicht Brokeback Mountain.

Reed will mich etwa dreißig Meilen aus Raleigh herausfahren. Er fragt mich nach der Situation von Schwulen und Lesben in Deutschland aus. Gestern hat er von mir erfahren, dass es für Schwule in Deutschland so gut wie unmöglich ist, ein Kind zu adoptieren, was ihn doch sehr erstaunt hat. Ich bin erstaunt, darüber, das bisher alle Amerikaner die Lage von Schwulen und Lesben in den USA als schwierig betrachten sie aber wenig Verständnis dafür haben, dass in Deutschland Schwule und Lesben nicht adoptieren können. Welches Land ist denn da jetzt fortschrittlicher? Am Ende haben wir diese Diskrepanzen nicht ganz aufklären können. Ich bin jedoch zu dem Schluss gekommen, dass sich in den USA gerade vieles entspannt. Selbst in den Südstaaten nimmt die Gewalt gegen Schule und Lesben wohl ab und geht in Respekt, Toleranz oder zumindest eine weit verbreitete Haltung des wir ´Reden-nicht-drüber´ über. Das erinnert mich an meine Coming-Out Zeit; zwanzig Jahre später sind wir in Hennstedt mit offenen Armen aufgenommen worden.

Irgenwie passt die politische Diskussion dazu, die wir führen. Er ist Mitglied der Republikanischen Partei, doch wenn ihm die Kandidaten nicht passen, dann lasse er sich für die Wahl auch mal in eine demokratische Wählerliste eintragen, was dieses Mal wohl wieder der Fall sein wird. So ist das halt hier im Süden: Wir sind Republikaner. Noch so was, was mir irgendwie unverständlich ist. In Deutschland würde ich als Mitglied der Grünen wohl nie auf die Idee kommen, meine Stimme der CDU zu geben. Amerika ist eben auch in dieser Hinsicht das Land er unbegrenzten Möglichkeiten.

Ich frage nach der Immobilienkrise. Hier in North Carolina habe ich weniger Armut und noch nicht die Viertel mit den verfallenden Häusern gesehen. Er bestätigt meine Beobachtung und erklärt mir, dass aus den Ballungsräumen im Norden eine bestimmte Klientel abgewandert ist, die sich im Süden Virginias und im Norden North Carolinas angesiedelt hat. Es handelt sich dabei in der Mehrzahl um Staatsbedienstete, die sich mit ihrem mittleren Einkommen die Immobilienpreise von Boston bis Washington nicht mehr leisten konnten und dann hierher gezogen sind. Als Staatsbedienstete waren sie nicht in dem Maße von den Entlassungen der Krisenjahre betroffen wie andere Branchen und konnten so ihre Häuser halten.

Bei all dieser Konversation habe ich vergessen, auf den Weg zu achten und so sind wir dann plötzlich im Irgendwo. Der Versuch, auf meinen Weg zurück zu finden, endet in Goldston. Von hier, so meine erste Einschätzung nach meinem GPS-System, sind es noch etwa 20 Kilometer zu meinem Tagesziel. Ich lade Reed und Jen zu uns nach Deutschland ein. Reed sagt, er sei noch nicht viel gereist. Er sei halt ein richtiger Southern; habe noch nicht viel von der Welt gesehen, Jen habe ihm ein wenig die Augen geöffnet und er hoffe, er könne mal zu uns kommen.

Nach sechs Kilometern und zwanzig Minuten Fahrt stehe ich vor der ´Sustainable Farm´ in der Callicut Road, die sich hinter zwei riesigen Gummibäumen versteckt. Ein Mann steigt aus einem Pickup-Truck und begrüßt mich freundlich zurückhaltend, er sei Harvey. Er führt mich ins Haus, das mich erst mal stocken läßt. Die Küche ist wie aus einer anderen Zeit. Ein Gasherd, ein Holzofen, der mir als einzige Heizquelle des Hauses vorgestellt wird und Regale voller Vorratsgläser mit Hülsenfrüchten, Mehlsorten, und was weiß ich noch alles. Es wirkt alles etwas unaufgeräumt, aber ich fühle mich dort sofort wohl. Diese Küche ist über Jahre entstanden, gewachsen und wurde ihren Bewohnern angepasst. Ein wunderschöner Pitchpineboden, ein grob gezimmerter Tisch mit ebensolchen Bänken, alles recht eng hier. Jeder Zentimeter ist ausgefüllt.

In den anderen Zimmern sind Bücher das vorherrschende Gestaltungsmerkmal. Sie passen irgendwie nicht zu der existenziellen Ausstrahlung, die die Küche hat und zeigen mir, dass hier alles seine Bedeutung hat. Die Menschen, die hier wohnen, das wird jetzt deutlich und das wird sich in den folgenden Stunden, die ich an ihrem Leben teil haben darf, auch zeigen, versuchen mit Ihrem Leben an die Wurzeln der Bedeutung zu gelangen, die das Leben mit sich bringen kann.

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Ich sitze bei einem Tee am groben Tisch in der Küche. Nancy bereitet das Mittagessen vor und läßt mich erst mal ankommen. ich komme mir etwas komisch vor, weil ich merke, dass sie mich erst mal ankommen lassen will. Das Schweigen wiegt schwer aber ich weiß, dass es mir nicht unangenehm sein muss. Ab und zu fragt sie etwas. Bevor es ans Essen geht, ergreifen sie plötzlich einfach meine Hand, so dass ich aufstehe und sie beginnen zu singen. Die Situation ist völlig frei von Zwang oder unangenehmen Gefühlen. Ich bin sicher etwas überrumpelt, singe nicht mit, aber es ist klar, dass ich den Text nicht kenne. Ich bin vollkommen ergriffen, von diesem spontanen Ausdruck tiefer Gläubigkeit, die mir nichts abverlangt, die einfach nur da ist und ich muss entscheiden, ob ich sie annehme oder nicht. Beim Essen kommt dann Fahrt in die Kommunikation, ich bin es, der zunächst etwas von seinem Leben preis geben wird. Sie fragen viel, nach meiner Kunst, aber auch zu meiner Arbeit in der Psychiatrie und welche Beutung der Sinn des Lebens in meiner Arbeit mit Menschen in der Krise hat. Man funkt auf einer Wellenlänge.

Irgendwann trifft Ben(jamin), der Sohn von Nancy und Harvey ein: Schüchtern, zurückhaltend, beobachtend. Über ihn habe ich bei Couchsurfing diese Unterkunft bekommen. Ich frage ihn, ob er mir die Farm zeigt. Es scheint ihn zu freuen und so ziehen wir los. Die Farm erscheint mir wie ein Versuchslabor. Fast 15 Hektar werden hier bewirtschaftet. Hauptgebäude ist das Wohnhaus, daneben der Teich, in dem in den Wintermonaten das Regenwasser aufgefangen wird, das im Hochsommer zum Wässern der Felder und zur Versorgung der Tiere benötigt wird. Im Moment werden die Hühner in länglichen Käfigen über die zwei kleinen Äcker, die eher zwei große Gemüsegärten sind, geleitet. Sie wühlen den Boden auf, beseitigen das Unkraut, düngen mit ihrem Kot, bereiten so zum Teil den Boden für die Aussaat vor. Die Gärten sind an Hängen angelegt. Oben sind die Hühnerhäuser, in die alle Gartenabfälle geworfen werden. Regenwasser wird über Furchen durch den Hühnerstall geführt und nimmt so die von den Hühnern zerflederten Kleinteile der Gartenabfälle und den Dung mit, der dann in die Beete geleitet wird. Ganz unten gibt es dann einen Teich, in dem im Sommer die Algen blühen, die wiederum den Überflüssigen Stickstoff aufnehmen, als Dünger auf die Beete aufgebracht werden und zum Füttern der Hühner gebraucht werden. Ein Kreislauf existiert hier.

Auf dem ganzen Farmgelände stehen kleine Gebäude; Versuche von Harvey, einfache Wohngebäude zu entwickeln. Er und Nancy haben mit Gleichgesinnten eine 50 Hektar große Farm in 40 Kilometern Entfernung gekauft. Sie wollen dort ein Zentrum für gesundes Leben aufbauen. Harvey arbeitet für eine Non-profit-Organisation, die für Menschen mit wenig Geld Häuser bauen. Diese Gruppe Gleichgesinnter trifft sich an diesem Abend, doch davon später mehr. Zunächst erreiche ich mit Ben die alten Farmhäuser, die um etwa 1870 entstanden sind. Er erklärt mir den Unterschied der Hühnerhaltung damals und heute. Er arbeitet für einen großen Hühnerproduzenten und inspiziert die Verarbeitungsfabriken. Hühnerlaufzeiten heißt eins-zu-eins Übersetzt die Zeit, die ein Huhn von der Zuführung von der Maschine bis zur Verpackung braucht. Um das zu messen, hängt immer noch eine Stopuhr um seinen Hals. In Tennessee hat er gestern eine Fabrik untersucht, die pro Tag 120.000 Hühner verarbeitet. Es mutet merkwürdig an, dass in Sohn und Vater so unterschiedliche Ansätze der Landwirtschaft aufeinanderprallen, ohne dass dies zu Spannungen zu führen scheint. Ich spüre hier eine tiefe Verbundenheit, die ohne viel Worte auskommt. Gewisse Dinge brauchen keine Worte, sie zeigen sich in Taten. Ich glaube, man kann dies nur wahrnehmen, wenn man selber solche Beziehungen kennt, sonst kann das Schweigen schenll bedrohlich wirken.

Am Ende der Farm steigen wir fünf Meter eine Böschung herunter und stehen am Bear Creek. Er wird wohl immer der Inbegriff eines amerikanischen Flusses sein. Ben meint es sei kein Fluss, eher ein Bach und die Fische seien hier zu klein zum Fischen. Ich sehe hier aber vor meinem geistigen Auge jemanden Fliegenfischen. Flusskrebse habe er hier als Kind gefangen: Dieses romantische Bild eines Jungen der mit hochgekrempelter Hose durchs Wasser watet und die Steine nach der Beute umdreht ist kaum auszuhalten und treibt mir fast Tränen in die Augen. Wir stehen dort schweigend eine viertel Stunde und lauschen dem Gurgeln des Wassers zwischen den Felsen. Dass man einem fremden Menschen auf so einfache Weise, so unverfänglich und basal im gemeinsamen Erleben einer Situation so nahe sein kann, erlebt man nicht so oft. Dieser Moment wird mir lange erhalten bleiben.

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Zurück im Wohnhaus treffen auch bald die Mitglieder der Community ein, die zusammen ein Zentrum für gesundes Leben aufbauen wollen. Vor zehn Jahren haben sie eine 50 Hektar Farm gekauft und ziehen jetzt nach und nach dort hin. Nancy und Harvey müssen noch ihre Farm verkaufen, weil sie den Erlös brauchen, um sich dort ein neues Haus zu  bauen. Die Zusammenkunft beginnt mit einem Essen, zu dem jeder etwas beisteuert. Mir fällt auf, dass jeder nur eine kleine Portion mitgebracht hat. „Niemals werden davon 14 Personen satt“, denke ich und doch bleibt am Ende noch was über. Alle stellen sich im Kreis auf und fassen sich an die Hand. Jeder erklärt kurz, wofür er heute dankbar ist. Wieder so ein ergreifender Moment.

Während des Essens erfahre ich von Dough einiges über politische Strategien im amerikansichen Wahlkampf. So berichtet er mir zum Beispiel von der Taktik, die er auch in diesem Wahlkapf vermutet, dass Anhänger der Demokraten gezielt Donald Trump unterstützen, weil diesem als direktem Kontrahenten von Hillary oder Bernie keine Chancen eingeräumt werden. Eine riskante Strategie. Er scheint politisch als unabhängiger Kandidat in unterschiedlichen Gremien aktiv gewesen zu sein und hat dies wohl schon mehrfach beobachtet.

Mich beeindrucken diese Menschen, die hier in einem Wohnzimmer zusammen sitzen und über eine Idee zu Leben diskutieren, die jenseits von Profit und Gewinnmaximierung absolut ernst gemeint angepackt wird. Hier verkauft sich niemand, hier wird dem amerikanischen Traum mit einem amerikanischen Traum begegnet, was hier in diesem Wohnzimmer in keinster Weise paradox erscheint.

Mein Schlafzimmer ist das einzige Zimmer, in dem ich in ein Doppelbett gesehen habe, was das bedeutet? Gastfreundschaft…

Der nächste Morgen beginnt mit einem Frühstück nach Southern-Art: Black Eyed Peas, Maisbrei, Okra (ein Gemüse aus dem südlichen Afrika, dass sich hier im Süden der USA durchgesetzt hat), Hähnchen in Eichelmehlpanade. Ich erfahre, dass man alle Eicheln essen kann, nachdem man sie entsprechend vorbereitet hat. Die frühen Siedler hier haben von den Indianern gelernt, dass die Eichel zunächst für ein paar Tage im Fluss gewässert werden müssen, so werden die giftigen Gerbstoffe ausgespült und die Eichel essbar. Muss ich Zuhause auch mal ausprobieren, schmeckt nämlich hervorragend und passt ausgezeichnet zum Hähnchen.

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Harvey versucht mir schonend beizubringen, dass draußen gerade -8°C herrschen. Er hat auf mein ratloses Gesicht spekuliert, was Südstaatenhumor ist. Er holt eine Karte und zeigt mir, wo er heute (Sonntag) arbeiten wird, er könne mich bis dortin mitnehmen, dann seinen es nur noch etwa einhundert Kilometer bis Charlotte und ich müsse heute nicht mehr so weit fahren. Dough meinte gestern, dass es in einigen Teilen North Carolinas gerade die kältesten Tage seit Beginn der Wetteraufzeichnung seien. Dieser Aussage wird von anderen deutlich widersprochen. Trotzdem ist es kalt, was habe ich erwartet: Es ist halt Winter. Ich habe das einfach ignoriert. Ich beschließe, dieses Angebot anzunehmen, besonders, weil er mich darauf hinweist, dass er und Nancy vorher noch zum Gottesdienst wollen. Ben kommt nicht mit.

Um 9:15 brechen wir auf nach Pittsboro zur Kirche. North Carolina befindet sich im sogenannten Bilble-Belt, der im Grunde genommen alle konföderierten Südstaaten umfasst und sich durch eine sehr hohe Kirchendichte hervorhebt. Die Baptisten bilden hier die Mehrheit. Nancy und Harvey bereiten mich auf die Kirche vor: Die Episkopalkirche (unter diesem Begriff firmieren alle nicht in Großbritannien ansässigen anglikanischen Kirchen) der USA wurde aus der Anglikanischen Kirche ausgeschlossen, weil sie sich für die Rechte der Schwulen und Lesben eingesetzt hat und einen offen schwul lebenden zum Bischof gewählt hat. Dies wird den Gläubigen in jedem Gottesdienst trotzig aufs Brot geschmiert. Wir halten 50 Meter hinter einer Kirche und ich will schon in diese Richtung gehen, als Harvey mir zuruft: „Hier müssen wir lang“. Er steigt die Stufen neben seinem Truck hoch und wir gehen im Schatten von Gummibäumen und Eastern Red Cedar zwischen alten, schiefen Grabsteinen auf den Eingang einer Neogotischen Backsteinkirche zu.

Gleich hinter der Eingangstür führt er mich auf die Empore: Nancy leitet den Kirchenchor, der sich auf den Gottesdienst vorbereitet. Ich singe einfach gleich mal ein bisschen schief mit. Welche Stimme ich denn singen würde, fragt Nancy, und ich muss mit den Schultern zucken. Ist ihr dann auch egal, Hauptsache singen.

Vor dem Gottesdienst gehen wir noch einen Tee trinken. Dazu gehen wir neben der Apsis durch eine kleine Tür, treffen auf Jane, die mir sofort erklärt, wie sehr sie sich freut, dass ich heute hier bin. So geht es denn weiter, jeder begrüßt mich sehr herzlich. Hier wirkt die Frage: „How are you?“ ernst gemeint. Wir gelangen in einen größeren Raum. In der Mitte sitzt ein alter Prister und redet auf aufmerksam zuhörende Menschen ein. Ich bin abgelenkt von den vielen anderen Menschen die drumherumlaufen, eine Transe ist auch dabei. Nancy führt mich in die Küche, die über eine riesige Durchreiche den Blick in den großen Raum frei hält und bereitet einen Tee zu. Menschen treten auf mich zu, fragen mich, wie es mir geht, woher ich bin, wie ich hierher komme, wo ich hin will und als es mir rausrutscht, dass ich mit dem Fahrrad nach San Francisco will, bin ich plötzlich von Menschen umzingelt. Ich bin ein wenig überfordert von dieser herzlichen Stimmung.

Der Gottesdienst beginnt mit der Begrüßung der Anwesenden und der Gäste: Joy aus Florida besucht eine Freundin und ist heute hier. Nancy ruft von der Empore, dass Thomas aus Germany da ist und mit dem Fahrrad nach San Francisco unterwegs ist. Unangenehm ist mir das Raunen der Anwesenden und dass mich der Priester freudig auffordert aufzustehen, damit mich alle angucken können. Es erscheint mir typisch deutsch, dass mir unauffällige Zurückhaltung doch lieber gewesen wäre. Ich erinnere mich an die Fürbitten, bei der Unmengen an Menschen aufgezählt wurden, die krank sind und Hilfe brauchen und dass es jedem Möglich war, dazwischen zu reden und weitere Fürbitten zu äußern: „Und meine Nachbarin hat erfahren, dass sie ihre Arbeit verloren hat“, „Mein Onkel hatte einen Autounfall“, … ich habe noch nie so persönliche Fürbitten erlebt. Der Priester fragt nach Terminen und Projekten in der Gemeinde und Harvey berichtet, dass er Leute sucht, die ihm nächstes Wochende helfen, ein Haus zu bauen für eine bedürftige Familie und ich bin sicher, dass er Hilfe bekommen wird. Eine Frau berichtet einen Satz Bücher gekauft zu haben, über das sie gerne mit anderen reden und diskutieren möchte: Ist die Kirche noch christlich? Sie bittet interessierte das Buch bis zum 23.02. zu lesen und sich mit ihr im Gemeinderaum zu treffen. Der alte Priester meldet sich zu Wort, dass er das sehr gut findet und sagt seine Teilnahme zu und ich habe nicht das Gefühl, dass er kommen wird, um zu belehren. Der Friedensgruß ist ein unglaubliches Durcheinander: Alle rennen durch die Kirche und wünschen sich „Peace with you“, Paare küssen sich, ein Mann eilt auf mich zu und spricht mich auf deutsch an: „Wie geht es Dir, ich habe sieben Jahre in der Nähe von Stuttgart gelebt (Amerikanische Streitkräfte)!“ Er zeigt auf Jesus: „That´s the way to eternity!“ Das war der einzige Moment, wo es dann doch ein wenig too much und pathetisch wurde. Die Predigt stellt den Sinn des Lebens in den Mittelpunkt und wirkt eher wie eine philosophische denn eine religiöse Abhandlung und hängt sich an dem Film „Besser geht´s nicht!“ auf, nicht ohne die Bedeutung der schwulen Nebenrolle ausgiebig zu betonen. Zwei Reihen hinter mir sitzt übrigens ein schwules Paar. Eindeutig: man kann hier im Süden der USA als Schwules Paar überleben.

Wir Deutschen sind solchen gefühlsaufgeladenen Situationen gegenüber immer misstrauisch. Wir haben im Dritten Reich schlechte Erfahrungen damit gesammelt, unsere stoische preußische Erziehung zu vergessen. Die Lektion hat gesessen und hat eine kulturell tief verwurzelte Angst vor emotionalen Gruppenerfahrungen hergestellt. Ich kann mich dem auch nicht entziehen; ich will diese Erfahrungen machen und komme doch nicht umher mich zu fragen, was das bedeutet. Im Grunde war dieser Gottesdienst eine ähnliche Erfahrung wie ein voll besetztes Fußballstadion zu einem Länderspiel. Was ist Religion für mich? Religion macht es mir möglich, die unerklärlichen Dinge zu ertragen. Diese Paradoxien des Lebens, dass Dinge zugleich sowohl gut als auch böse sein können, weil sich das oft erst in der Zukunft zeigen kann. Dinge zu wollen, die man nicht kriegen kann. Ich kann diese Dinge in Gottes Hand geben. Ich muss dies bewust tun und werde mir dadurch gleichzeitig klar, dass ich damit die Aufgabe habe, diese Dinge nicht aus den Augen zu verlieren. Die Vernunft muss an dieser Stelle eingreifen, damit aus dem in die Hand Gottes legen nicht ein Ausharren und Ergeben wird. An dieser Stelle habe ich die Möglichkeit, mein eigenes Leben zu führen und mit dem Rad durch die USA zu fahren.

Auf der Fahrt von Pittboro nach Ashboro, wo Harvey mich auf die Straße setzen wird, bedankt er sich, dass ich mit zum Gottedienst war. „Was kann jetzt noch kommen auf dieser Reise?“ frage ich mich. Ich bekomme eine Ahnung, warum auf solchen Reisen Menschen an Orten hängen bleiben. Wo ist die Waage zwischen sich auf Menschen einlassen, und beziehungslos umherreisen? Ich weiß es nicht! Dieses Mal reiße ich mich los, meine Reise soll noch nicht zu Ende sein, doch etwas hat sich verändert: Die Erkenntnis, dass man einem Land in den Menschen begegnet und nicht alleine auf der Straße auf einem Fahrrad.

Nach zehn Kilometern schaue ich auf die Uhr und stelle erschrocken fest, dass es schon 15:30 Uhr ist. In eineinhalb Stunden wird die Dämmerung einsetzen. Nach 45 Kilometern das erst Motel. Die Verschlossene Tür zum ´Office´ in einem kleinen Häuschen öffnet sich nach dem Klingeln automatisch. Ich stehe in einem engen Vorraum, der von einer blassen Glühbirne an der Decke erhellt wird, vor einem runden Tresen mit einer ebenfalls runden Glasscheibe. Hinter der Glasscheibe sieht man nichts, nur dunkler Raum. Eine Stimme kommt aus dem Nichts: „Hello!“ Ich antworte unsicher und dann geht hinter dem Tresen das Licht an. Ein alte, grell geschminkte Frau, mit zigarettengegerbter Haut, sitzt in einem Zimmer, dessen Wände mit bunten Plastikblumen bedeckt sind, hinter ihr ist es dunkel, der Raum erstreckt sich ins Unendliche. Ich frage, ob ihre Zimmer Wifi haben: „That´s not necessary!“ ´Doch´ denke ich und freue mich über einen Grund hier nicht absteigen zu brauchen: Das ist mir doch eine Spur zu spooky.

Zwanzig Kilometer weiter treffe ich auf das nächste Motel und hier werden alle Befürchtungen, was schlechte Motels angeht, war. Internet gibt es nur über Kabel. Ich ringe der Frau ab, das in einem Zimmer zu testen. Es funktioniert natürlich nicht mit Mac und als ich anfange nach anderen Internetzugängen zu suchen, gibt es plötzlich doch einen Wifi-Zugang. Sie wirkt richtig angepisst. Weiter geht es mit der Anmeldung: Meine Kreditkarte funktioniert nicht, ich habe keinen Führerschein dabei, aber sie will natürlich trotzdem Geld verdienen also kann man nach viel Rumgenöle doch auf gewisse Formalitäten verzichten. Im Offenen Backoffice sitzt auf einer ranzigen Couch ein rauchender Typ mit Backenbartschnauzer, im Jogginganzug, und telefoniert vor laufendem Fernseher. Was ist das denn jetzt für ein Film? Das Zimmer ist ein Rauchzimmer, die Klimanalage produziert nach fünf Minuten immer noch kalte Luft. Also wieder zum Office. Die Tür öffnet sich nur einen Spalt: Die Heizung ist über dem Bett, ranzt sie mich an und schwups ist die Tür wieder zu. Es dauert noch zwei Stunden, bis ich meine dicke Jacke ausziehen kann und duschen gehe. Die Dusche ist ein Kupferrohr, das in etwa 1,45 Metern Höhe aus der Wand kommt und auf dem eine Armaturenmischdüse montiert ist. das Wasser fließt etwa 5 cm von der Wand entfernt, ich bin am kochen.

Mittlerweile ist das Zimmer warm, das Gehirn tut seinen Dienst und schaltet den kalten Zigarettengeruch aus und ich denke „Auch das muss man mal mitgemacht haben.“

10 Replies to “Raleigh – Bear Creek – Richfield”

  1. thomas Post author

    Liebe Grüße an Alle!
    Ich habe seit zwei Tagen keinen Internetkontakt mit meinem Handy gehabt. Und in einem Funkloch gesteckt. Wahrscheinlich habe ich Unmengen an Nachfragen, wo ich stecke und wie es mir geht. Mir geht es gut.
    @ Wolfgang: Ich würde Dich gerne mit Freunde überwachen und mich überwachen lassen, weiß aber nicht, wie ich das hinkriegen / einstellen kann / soll…
    @ Christoph und Tara: Hab Eure Telefonummern verdusselt. Ich denke oft an Euch und würde gerne gelegentlich mit Euch telefonieren. Für Atlanta habe ich mittlerweile eine Unterkunft gefunden. Vielleicht kann Deine Mutter Wolfgang Deine Telefonnummer geben, der kann sie dann via Whatsapp an mich weiter geben.
    @ Eltern: Mir geht es gut!
    @ Jürgen: Ich liebe Dich!
    @ all die anderen lieben Menschen: Schön das es Euch gibt! Wie geht es Euch?!

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  2. Theresia Potthoff

    Lieber Thomas, ganz liebe Grüße aus Darfeld. Habe Deinen Bericht mit Begeisterung gelesen. Man hat das Gefühl direkt vor Ort zu sein. Weiterhin eine gute und erlebnisreiche Reise. Hier ist soweit alles ok. LG. Theresia

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  3. hanne hartung

    Schön das Du dich wieder gemeldet hast.Das war ja viel Information. Das muss man erst verdauen.
    Übrigens es geht uns gut.Weiterhin gutes radeln,nicht so viel Kälte und bessere Unterkünfte als
    die Letzte.
    L.G. hanne u helmut

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  4. Jürgen Potthoff-Jürs

    Wolfgang! Du warst nur der zweite. Was ist los? ?
    @Thomas: Da hast du ja echte Südstaaten-Geschichten erlebt. Ich habe das Gefühl, alle Bilder (in meinem Kopf) schon mal gesehen zu haben. Bis gleich!? ?

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  5. Werner Jürs

    Hallo! Schön wieder von dir zu hören. Habe ein paar graue Haare mehr. Bin 3 Uhr nachts aufgestanden und habe den Computer angemacht um zusehen ob eine Nachricht gekommen ist.
    Da hast du ja viele neue Eindrücke sammeln können. Über die Kirche reden wir zu Hause, sonst wird mein Roman zu lang. Behalte deinen gesunden Menschenverstand. Kann es sein, das ich Vorurteile habe?
    Jetzt mache ich mich im Internet auf deinen Weg. Hab dich Lieb. M

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  6. Werner Jürs

    @Thomas deinen letzten Bericht musste ich in 2 Etappen lesen, weil M nicht die Zeit abwarten konnte bis ich fertig war, und immer gedrängelt hat “ nu seh ma zu!!“ Es sind ja 1/2 Romane die du da bringst ! Aber man kann sich da richtig reinlesen und miterleben wie du es erlebst. Du hast es ja kälter als wir hier. Zieh dich bloß „Winterfest“ an, und weiter gute Fahrt!!!
    Andreas und ich sind am Holz machen, bei Bauers sollen hinten alle Bäume weg, bald geschafft!! und für die nächsten 3 Jahre haben wir dann genug zum heizen. LG V.

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  7. Elke

    Die Küche ist der Hammer! Was für eine Zeitreise! Auch dein Gottesdienstbesuch ist nicht zu verachten. Toll, was du alles erlebst.

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  8. Waschke

    Hallo Thomas,
    Deine Eltern erzählten mir von Deiner großen Fahrradtour durch
    die USA und dass man sie im Internet verfolgen könne.
    Deine Berichte sind sehr spannend und interessant. Von diesen
    Erlebnissen und Eindrücken wirst Du sicherlich noch Jahre
    erzählen können. Du machst es richtig:
    LEBE DEINE TRÄUME JETZT
    Für die nächsten Etappen Deiner Reise wünsche ich Dir
    gutes gelingen und immer einen prallen Druck auf den Reifen.

    Gruß Hannes W.

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